VG-Wort

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Kritik: Falling (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit diesem berührenden Drama einer Vater-Sohn-Beziehung gibt der Schauspieler Viggo Mortensen sein Regiedebüt. Mortensen, der auch das Drehbuch verfasst hat, erzählt darin keine autobiografische Geschichte, wenngleich er einige Erfahrungen mit dem von ihm gespielten Charakter John teilt. Auch Mortensens Eltern trennten sich in seiner Kindheit, außerdem wurden mehrere seiner Angehörigen im Alter dement. Diesem persönlichen Hintergrund mag es zu verdanken sein, dass die Beziehung zwischen John und seinem dementen Vater Willis auffallend einfühlsam und vielschichtig ausgelotet wird.

Als alter Mann ist Willis oft schier unerträglich. Mit einem Realismus, der auf psychologische Erklärungen verzichtet, lässt der Film den Alten drauflospoltern. "Schwuchtel" und "Nutte" sind Beschimpfungen, ohne die er nicht auskommt. Lance Henriksen spielt den Alten mit einer verbissenen Wut, hinter der sich erst allmählich die Verletzlichkeit erahnen lässt, die mit schlecht verheilten Wunden und der Verwirrtheit zu tun hat. Was in Willis vorgeht, machen erst die Rückblenden deutlicher, die seinen spontan aufblitzenden Erinnerungen folgen. Wie sie sich in Willis‘ Bewusstsein vermischen und mit der Ebene der Gegenwart verknäulen, lässt das Drama der Demenz für Außenstehende auf beeindruckende Weise erlebbar werden.

Oft wird von einer Rückblende aber auch auf Johns Gesicht geschnitten, was beweist, dass viele Erinnerungen ihm gehören. Die bedächtigen, zärtlich tastenden Ausflüge in die Vergangenheit entwickeln sich zum eigentlichen emotionalen Familiendrama. Sie fördern ans Licht, weshalb John - von Viggo Mortensen mit herzerwärmender Geduld und Toleranz ausgestattet – den Vater oft besser begreift als dieser sich selbst.

Der Isländer Sverrir Gudnason spielt den jungen Willis sehr eindrucksvoll als durchaus liebevollen Ehemann und Vater, der aber keine Kompromisse schließen kann. Ständig führt er einen Machtkampf gegen seine Nächsten, gerinnt zur sturköpfigen Karikatur eines Mannes, der nur sein eigenes Gesetz akzeptiert.

Anders als John scheitert seine Schwester Sarah rasch an der Aggressivität des Alten, der verbiestert die Werte einer anderen Generation vertritt. Aber Mortensen versteht nicht nur die Probleme der Angehörigen mit Willis, sondern auch dessen Bedürfnis, wohlwollender Bevormundung Grenzen zu setzen.

Fazit: Mit diesem Drama über die schwierige Beziehung eines Mannes zu seinem an Demenz erkrankten Vater gelingt dem Schauspieler Viggo Mortensen ein aufsehenerregendes Regiedebüt. Im geschickten Wechsel zwischen Gegenwart und Erinnerungen gräbt sich die Handlung in die Tiefen einer bewegenden Familiengeschichte. Dabei lotet sie tastend aus, was die beiden Männer verbindet, obwohl der verbitterte, konservative Alte am liberalen, schwulen Sohn kaum ein gutes Haar lässt. Der Film beeindruckt mit der einfühlsamen Einsicht in einen sich verwirrenden Geist, mit intelligenter Dramaturgie und guten Schauspielerleistungen.






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