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Kritik: Gefangen im Netz (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Wie weit darf ein Dokumentarfilm gehen, um seinem Publikum einen Ausschnitt der Wirklichkeit zu vermitteln? Diese Frage ist so alt wie die Filmform selbst. In Deutschland wurde sie erst kürzlich wieder aufgeworfen, als herauskam, dass Szenen in einem preisgekrönten Dokumentarfilm über Sexarbeit mit Schauspielerinnen nachgestellt waren, ohne diese Inszenierungen für das Publikum kenntlich zu machen. "Gefangen im Netz", ein Dokumentarfilm aus Tschechien mit einem noch brisanteren Thema, stellt das Publikum vor ganz andere Herausforderungen.

Was in diesem Film echt und was nachgestellt ist, ist jederzeit klar, denn dem Filmteam geht es um größtmögliche Transparenz. Das Publikum ist beim Casting der Schauspielerinnen ebenso dabei wie beim Nachbau der drei Kinderzimmer, aus denen die Schauspielerinnen agieren. Die Verhaltensregeln, die sich das Filmteam selbst auferlegt hat, werden ebenso sichtbar gemacht wie die psychologische und juristische Betreuung am Set. Und doch stellt sich bei diesem Versuch, die Gefahren und die Mechanismen von sexuellem Missbrauch im Internet aufzuzeigen, auch immer die Frage, ob das Filmteam hier nicht eine Grenze überschreitet, deren Übertritt Strafermittlungsbehörden vorbehalten sein sollte. Hätte das Regieduo seinen Film nicht anders aufziehen können oder gar müssen? Und untergräbt es mit diesem großangelegten Täuschungsmanöver nicht sein eigenes Anliegen?

Die Antwort darauf ist ja und nein. Ja, andere Herangehensweisen an dieses Thema wären denkbar und auch umsetzbar gewesen. Nein, die stattdessen gewählte Herangehensweise unterminiert das Anliegen keinesfalls. Ganz in Gegenteil! Erst das experimentelle Setting ermöglicht einen Einblick in schockierende und erschütternde Abläufe, die anders kaum möglich gewesen wären. Die im Film gezeigten Männer, die mit den Schauspielerinnen, die sich für Mädchen ausgeben, Kontakt aufnehmen, tun das weder zum ersten Mal noch wurden sie in eine Falle gelockt. "Gefangen im Netz" zeigt, wie weit verbreitet dieses Problem ist und wie wenig die Gesellschaft davon weiß. Das Erschreckende, was dieser Dokumentarfilm zutage fördert, untermauert das Anliegen, auf die tagtäglich im Netz begangenen Verbrechen aufmerksam zu machen und Eltern und Kinder für die Gefahren zu sensibilisieren.

Wie sensibel das Regieduo und das gesamte Team mit dem Thema umgeht, ist jederzeit deutlich. Die ausgewählten Schauspielerinnen sind allesamt volljährig und wurden wie der Rest der Crew während der Dreharbeiten von Psychologinnen betreut. Bilder mit sexuellem Inhalt werden für das Kinopublikum ebenso unkenntlich gemacht wie die Gesichter der Täter. Juristen am Set stufen die Straftaten ein und übergeben die gesammelten Beweise nach dem Ende der Dreharbeiten an die zuständigen Ermittlungsbehörden.

"Gefangen im Netz" ist ein mutiger und wichtiger Film, weil er eine Öffentlichkeit für ein allzu leichtfertig übersehenes Thema schafft. Wie notwendig das ist, zeigt bereits das Casting der drei Schauspielerinnen. Während des Castingprozesses geben 19 der 23 anwesenden Kandidatinnen an, als Kinder oder Jugendliche selbst schon einmal mit Cyber-Grooming zu tun gehabt zu haben. Schockierend und streckenweise kaum auszuhalten sind aber nicht nur die Taten an sich, sondern auch die Skrupellosigkeit, Perfidität und das fehlende Unrechtsbewusstsein, mit der die Täter zu Werke gehen.

Die Reaktionen darauf fallen bei den Schauspielerinnen und der Filmcrew ganz unterschiedlich aus. Sie reichen von Irritation, Fassungslosigkeit, Ekel, Abscheu, Wut und Verzweiflung bis hin zu Gelächter und wahrer Freude und Erleichterung, wenn eine der Schauspielerinnen nach unzähligen Anbahnungsversuchen im Netz zum ersten Mal auf einen Mann trifft, der tatsächlich keine unlauteren Absichten verfolgt. Er bleibt die löbliche Ausnahme in einem Meer von 2458 Männern mit eindeutigen Absichten. "Gefangen im Netz" ist ein mutiger, ein wichtiger, aber auch ein Film, der dem Publikum viel abverlangt und sicherlich nicht für alle geeignet ist.

Fazit: Der Dokumentarfilm "Gefangen im Netz" ist ein gewagtes und schockierendes, aber auch ein geglücktes Experiment. Er macht auf die Gefahren des Cyber-Grooming und des sexuellen Missbrauchs im Internet aufmerksam, ohne die Würde der Opfer zu verletzen. Ein mutiger und wichtiger Film, der ein leicht zu übersehendes Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht, aber auch nicht jedermanns Sache sein dürfte.




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