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Kritik: Moskau Einfach! (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die satirische Schweizer Komödie des Regisseurs Micha Lewinsky ("Die Standesbeamtin") erinnert an einen Skandal, der im Jahr des Mauerfalls die eidgenössische Alpenrepublik erschütterte. Seit Anfang des Jahrhunderts, später befeuert durch den Kalten Krieg, hatte der Schweizer Staatsschutz 900000 Karteikarten, sogenannte Fichen, über Bürger und Bürgerinnen des eigenen Landes angelegt. Jahrzehntelang waren ohne gesetzliche Grundlage Linksorientierte, Gewerkschafter, Feministinnen, Ausländer observiert worden. Der Schriftsteller Max Frisch besaß eine geheime Akte, ebenso der beim Auffliegen des Skandals erst 17-jährige Lewinsky. Er hatte sich als Kind mit einem Anruf bei der sowjetischen Botschaft verdächtig gemacht. Dabei wollte er nur einen Prospekt über die Transsibirische Eisenbahn haben.

Mit wunderbar trockenem Humor legt die Komödie die spießige Sammelwut der Beamten frei. Der Vorzeigepolizist Viktor wittert am Zürcher Schauspielhaus revolutionäre Umtriebe, berichtet als Undercover-Agent auch noch die banalsten Details über die Theaterleute. Paradoxerweise lässt der Diensteifer des Staatsschutzes nicht nach, als in Berlin die Mauer fällt. Aber Viktor merkt nach und nach, dass er die falschen Leute verdächtigt und seine Arbeit komplett sinnlos ist.

Zusammen mit Viktor gewinnt das Filmpublikum auch sonstige Einblicke in einen Theaterbetrieb. Dieser wird in vielfältiger Weise satirisch auf die Schippe genommen und dennoch auch als bunte, lebhafte Stätte der Kunst gefeiert. Der angeblich linksprogressive Regisseur bedient für Geld jeden Publikumsgeschmack, wenn die Kasse stimmt. Seine Leute berieselt er mit Floskeln über hierarchiefreie Kreativarbeit, demütigt Odile aber mit einer sexuell übergriffigen Bühnenszene.

Viktor macht als filmischer Held eine revolutionäre persönliche Entwicklung durch, während die Liebesgeschichte für die Handlung immer wichtiger wird. Die Bekanntschaft mit Odile beflügelt ihn, er geht aus sich heraus, gestattet sich Meinungen, Gefühle. Philippe Graber spielt zunächst sehr amüsant, wie Viktor in seiner biederen Unscheinbarkeit schon überfordert ist, wenn er nur angesprochen wird. Aber er lässt ihn dann auch glaubwürdig einen Theatermonolog improvisieren, der zum seelischen Befreiungsschlag gerät. Viktor ist nun nicht mehr der perfekte Undercover-Mann, als den ihn sein Chef mit den Worten pries, "An Sie erinnert sich doch kein Mensch!"

Fazit: Der Regisseur Micha Lewinsky erzählt in dieser vergnüglichen Satire von der 1989 aufgedeckten Bespitzelung vieler Schweizer Bürger und Bürgerinnen durch den Staatsschutz ihres Landes. Ein Polizist geht als Statist getarnt ans Zürcher Schauspielhaus, um die als links und folglich als verdächtig geltenden Theaterleute auszuhorchen. Die fiktionale Handlung legt die Absurdität der behördlichen Datensammelwut und dahintersteckender spießbürgerlicher Ängste treffend frei. Für ebenfalls vergnüglichen romantischen Charme sorgt die Wandlung des Spitzels zum verliebten Helden.










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