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Monte Verit  - Der Rausch der Freiheit
Monte Verit - Der Rausch der Freiheit
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Kritik: Monte Verità - Der Rausch der Freiheit (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Als einstiges Experiment einer sozialreformerischen Kommune, als Künstlerkolonie und Freiluftsanatorium genießt der Monte Verità im schweizerischen Tessin einen legendären Ruf. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet, zog die vegetarische Kooperative auf dem Hügel über Ascona die unterschiedlichsten kreativen Köpfe an, die in der Natur und ohne Zwänge Selbstentfaltung probten. Der Spielfilm, den Stefan Jäger nach einem Drehbuch von Kornelija Naraks inszeniert hat, erweckt diesen historischen Ort zum Leben.

Viele Nebenrollen sind den Personen gewidmet, die auf dem Monte Verità weilten und ihn prägten, wie Otto Gross, Ida Hofmann, Lotte Hattemer, Hermann Hesse (Joel Basman). Die Hauptrolle der Wiener Fotografengattin Hanna Leitner ist jedoch fiktional. Sie repräsentiert das in der patriarchalen Gesellschaft jener Epoche stark unterdrückte weibliche Geschlecht. Mit dem Mut der Verzweiflung flieht Hanna auf den Berg der Freiheit und entdeckt dort als Patientin von Gross ein völlig anderes Leben. Dabei sind ihre Gefühle beim Anblick der nackten Männer, die auf der Wiese ums Feuer tanzen, sowie ihres kargen Zimmers in einer Holzhütte gemischt.

Maresi Riegner spielt Hanna hervorragend als Frau ihrer Epoche. Ihre Sprache, ihr schüchternes, braves Benehmen, hinter dem sich aber ein unbestechlicher Geist verbirgt, wirken sehr authentisch und verleihen dem Film eine schöne historische Färbung. Die Enge des bürgerlichen Alltags Hannas in Wien, der in Rückblenden geschildert wird, kontrastiert mit den flirrenden Aufnahmen der Natur, des Lichts, des Wassers, der puren Lebensfreude auf dem Schweizer Berg. Allerdings bewirkt die Konzentration auf das fiktive Frauenschicksal auch, dass das quirlige Leben auf dem Monte Verità insgesamt doch etwas stark im Hintergrund bleibt.

Dass Gross, der selbst Heilung auf dem Berg sucht, mit seinen Patientinnen schläft, wird die in ihn verliebte Hanna mit Empörung erfüllen. Die pragmatische Ida hilft ihr bei der Emanzipation. Die hoch empfindsame, an unheilbarem Seelenschmerz leidende Lotte Hattemer wird ihre Freundin. Die schillernde Aura, die Hannah Herzsprung dieser geheimnisvollen Nebenfigur verleiht, zählt zu den faszinierendsten Eindrücken, die auch noch länger nachhallen.

Fazit: Eine bürgerliche Gattin und Mutter flieht 1906 aus der häuslichen Tristesse in Wien und sucht Heilung und Selbstverwirklichung in der naturnahen Gemeinschaft über dem schweizerischen Ort Ascona. Indem das von Stefan Jäger inszenierte Drama diese fiktionale Figur im freigeistigen Kollektiv aufblühen lässt, hebt es dessen Bedeutung als Gegenentwurf zu einer in Regeln erstarrten patriarchalen Gesellschaft hervor. Maresi Riegner spielt den Charakter auf reizvolle Weise als Kind seiner Zeit. Unter den eher flüchtig skizzierten, historischen Figuren des Monte Verità wie Otto Gross, Ida Hofmann, Hermann Hesse beeindruckt wegen des intensiven Spiels von Hannah Herzsprung besonders die rätselhaft traurige Lotte Hattemer.







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