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Ein bisschen bleiben wir noch
Ein bisschen bleiben wir noch
© Film Kino Text © Die FILMAgentinnen

Kritik: Ein bisschen bleiben wir noch (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Zwei Kinder gehen an Eisenbahngleisen entlang. Eines bleibt stehen, blickt gen Himmel und öffnet den Mund. "Wenn man den Mund lange offen lässt, können die Sorgen vielleicht aus einem rausfliegen", sagt der Junge mit dem offen stehenden Mund aus dem Off. So poetisch, wie der Film beginnt, geht er weiter. Ein Familiendrama, das tristem Alltagsrealismus mit fantasievollem Wunschdenken begegnet.

Der Regisseur Arash T. Riahi weiß, wovon er erzählt. 1972 im Iran geboren, kam er 1982 nach Österreich. Dass dieses Ankommen in einer neuen Heimat für Kinder nicht immer und permanent grauenvoll ist, wie uns manche Filme weismachen wollen, weiß Riahi aus eigener Erfahrung. "Bewusst habe ich einen immer wieder leicht märchenhaften Ton gewählt, um mich auch vom klassischen Betroffenheitskino und dem dokumentarisch-realistischen Stil dieser Filme wegzubewegen", sagt er über seinen eigenen Film, eine lose Adaption von Monika Helfers Roman "Oskar und Lilli" (1994).

Riahi entführt sein Publikum in eine Welt, die er konsequent durch Kinderaugen zeigt. Mit Leopold Pallua und Rosa Zant als Oskar und Lilli hat er zwei hinreißende und umwerfende Hauptdarsteller gefunden. Die zwei Geschwister – jedes auf seine Weise: Oskar altklug, schelmisch und stets positiv gestimmt, Lilli vernünftig, mitfühlend und pessimistisch – sind erwachsener und verantwortungsbewusster als die Erwachsenen um sie herum. Die sind durchweg ironisch gebrochen, aber liebevoll geschrieben. So sehr sich der Film auch über die unterschiedlichsten Milieus der alteingesessenen Mehrheitsgesellschaft amüsiert, er verspottet sie nicht.

Dieses Mitgefühl für all seine Figuren zaubert Riahi in einer poetischen Bildsprache auf die große Leinwand. In diesem Film spiegeln sich Häuserzeilen in Pfützen, wird eine Straßenlaterne zum Vollmond und geht mit der Fantasie seiner Protagonisten auch immer wieder die Kamera durch. Ganz am Ende haben sich Oskar und Lilli wortwörtlich an ihre Mutter gekettet. Sie sind gekommen, um zu bleiben. So schnell wird der Staat sie nicht mehr los. Ein Märchen, ja, aber eines, das mehr über unsere Gegenwart verrät als manches dokumentarisch-realistische Sozialdrama.

Fazit: Arash T. Riahi hat Monika Helfers Roman "Oskar und Lilli" lose adaptiert und aus der Vorlage einen politischen Film gemacht, der ganz anders als viele politische Filme leichtfüßig und poetisch daherkommt. Riahi begegnet tristem Alltagsrealismus mit fantasievollem Wunschdenken. Ein märchenhafter Familienfilm mit zwei wunderbaren Hauptdarstellern, der mehr über unsere Gegenwart verrät als manch realistisches Drama.




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