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Martin Eden
Martin Eden
© Piffl Medien / Francesca Errichiello

Kritik: Martin Eden (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

1909 war es, als der US-Schriftsteller und Journalist Jack London seinen halb-autobiographischen Roman "Martin Eden" erstmals veröffentlichte – das Werk gilt bis heute als eines seiner Wichtigsten. Der Stoff wurde bereits mehrfach für Film und TV adaptiert, darunter in den 40er-Jahren mit Glenn Ford in der Hauptrolle und im Jahre 1979 als mehrteiliger TV-Film. "Martin Eden" von Regisseur Pietro Marcello ist die bislang aufwendigste und teuerste Verfilmung. Er debütierte im Herbst 2019 beim Filmfest Venedig.

Eine Vielzahl an ebenso komplexen wie universellen Themen behandelt Marcello in seinem Gesellschaftsfilm über einen Mann, der sich gewissermaßen den Respekt und das Ansehen der oberen Gesellschaftsschicht erschreibt – mit seinen ehrlichen Geschichten und politischen Romanen. An dieser Stelle spielt Marcello auf die Ambivalenz des Menschen und die Scheinheiligkeit der Gesellschaft an. Denn dadurch, dass Martin in seinen Geschichten über einfache Arbeiter, arbeitslose Massen und Arme schreibt, verleugnet er sich und seine eigene Biografie. Schließlich entstammt er selbst dieser unteren sozialen Schicht. Und mit Werken und Büchern über sie erlangt er nun den so lang ersehnten Erfolg.

Und die Scheinheiligkeit der Gesellschaft wird durch das Verhalten der Herausgeber, Verlage und Entscheider gewahr. Denn alle Größen der Branche reißen sich nun um Edens literarische Erzeugnisse. All jene also, die ihn kurz davor noch belächelt und nicht ernst genommen haben ("Weißt du überhaupt, wie man ein Buch öffnet?"). Weil Eden damals noch unbekannt und mittellos war. Weitere Inhalte und Aspekte, die gegensätzlicher nicht sein könnten, von Marcello aber vermutlich genau deshalb immer wieder aufgegriffen werden und zwangsläufig zum Scheitern des Protagonisten führen müssen: der Kampf zwischen Kollektivismus und Individualismus, zwischen Kunst und eigenen politischen Überzeugungen, zwischen dem einfach Dorf- und dem bürgerlichen Stadtleben. An der Tatsache, dass die persönliche Herkunft als gesellschaftlicher Wert über allen anderen steht und über die Akzeptanz des Establishments entscheidet – an dieser Erkenntnis zerbricht Martin Eden.

Luca Marinelli spielt diese tragische Figur mit einnehmender physischer Präsenz und wahrhaftiger Vermittlung innerer Befindlichkeiten. Zur trostlosen, schwermütigen Grundstimmung passen die grobkörnigen 16mm-Aufnahmen, die "Martin Eden" wie einen Film aus den 70er-Jahren wirken lassen und ihm einen antiquierten Look und visuell eine "gestrige Aura" verleihen. Ebenso wie die Gedanken und Ideale des Sozialismus längst gescheitert und untergangenen sind.

Fazit: Herausforderndes, anspruchsvolles Gesellschaftsdrama über die Ethik der Menschen, die Bewertung von Herkunft und sozialem Stand sowie die Frage, wie weit man zu gehen bereit ist, um die eigenen Ziele zu erreichen.




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