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Das neue Evangelium (2020)

Simple Botschaft: Mischung aus Dokumentarfilm und Spielfilm über ganz unterschiedliche Passionsgeschichten.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
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Die süditalienische Stadt Matera war 2019 Kulturhauptstadt Europas. Im Zuge dessen durfte auch der Schweizer Theatermacher und Filmregisseur Milo Rau vor Ort ein neues Projekt inszenieren. Seine Wahl fiel auf einen Jesus-Film, denn in Matera wurden unter anderem Pier Paolo Pasolinis "Das 1. Evangelium – Matthäus"(1964) und Mel Gibsons "Die Passion Christi" (2004) gedreht. Ein klassischer Bibelfilm lag Rau jedoch fern. Stattdessen trieben ihn die Fragen um, was Jesus im 21. Jahrhundert predigen würde und wer heutzutage wohl seine Jünger wären.

Dementsprechend wählte Rau als Hauptdarsteller den aus Kamerun stammenden Politaktivisten Yvan Sagnet, der sich seit Jahren für bessere Arbeitsverhältnisse der aus Afrika Geflüchteten einsetzt. Viele von ihnen hausen in der Nähe von Matera in einer provisorischen Unterkunft. Sagnet zur Seite stehen unter anderem der im September 2020 verstorbene Enrique Irazoqui, der bei Pasolini den Messias spielte, und Maia Morgenstern, die bei Gibson die Mutter Gottes gab. Den Entstehungsprozess seines Projekts – vom Casting über die Proben bis zum Dreh – bildet Rau stets mit ab.

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Ganz am Anfang seines neuen Films steht der Regisseur mit seinem Hauptdarsteller auf einem Hausdach und zeigt ihm die Drehorte. Milo Rau und Yvan Sagnet blicken in die Ferne. Die Gegend ist schneebedeckt. Sagnet folgt Raus Fingerzeig. Hier die Via Dolorosa, dort Golgota. Fast könnte man meinen, die Stadt, die sich unter ihnen auftut, sei tatsächlich Jerusalem. Doch es ist das süditalienische Matera, das schon Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson als Kulisse für ihre Bibelfilme diente. Raus Projekt hat indes nur am Rande mit dem Buch der Bücher zu tun.

Der Schweizer Theater- und Filmemacher Milo Rau ist für seine politischen Arbeiten bekannt. Wiederholt ging er mit politischen und gesellschaftlichen Missständen hart ins Gericht, jüngst etwa mit seinem Film "Das Kongo Tribunal", das die Hintergründe des Bürgerkriegs im Kongo vor einem symbolischen Gericht verhandelte. Ausgehend von der Frage, wie Jesus Christus, seine Jünger und deren Botschaft im 21. Jahrhundert aussähen, inszeniert Rau Christi Passionsgeschichte vor dem Hintergrund von Migration, Geflüchtetenkrise und prekären Arbeitsverhältnissen.

Herausgekommen ist eine virtuose Mischung aus Dokumentarfilm, Spielfilm und politischer Aktionskunst. Zwar sind die Antworten, die Rau darin gibt, naheliegend, zwar sind die Forderungen der Aktivisten simpel, das sind sie aber deshalb, weil sie so klar und offensichtlich sind. Yvan Sagnet und seine Mitstreiter fordern nichts weiter als ihre Rechte ein, was zu etwas mehr Gerechtigkeit führen würde. Der große Skandal besteht nicht in den Forderungen selbst, sondern darin, dass diese berechtigten Ansprüche beständig ignoriert werden – nicht nur von der Politik, sondern von einer breiten Öffentlichkeit, der die Zustände seit Jahren bekannt sind.

Raus Polittheater macht nichts anderes, als ein weiteres Mal auf diese Missstände hinzuweisen. Mal subtil, oft plakativ, stets aber eindringlich, bild- und wortgewaltig. Wie vom Schweizer gewohnt ist das auch dieses Mal kein einfaches, sondern unbequemes, mitunter sperriges, aber wunderschön anzusehendes Kino. Eine Woche vor Weihnachten erhält es nun einen digitalen Start – und scheint vor dem frohen Fest nötiger denn je.

Fazit: In seinem neuen Projekt packt Milo Rau die Bibel an und überträgt Jesu Botschaft ins Hier und Jetzt Süditaliens, das stellvertretend für Europas gegenwärtigen Zustand steht. Dieses "Neue Evangelium" ist ein nicht immer subtiler und durchaus sperriger, dafür aber stets bild- und wortgewaltiger Mix aus Dokumentarfilm, Spielfilm und politischem Aktionismus. Ein starkes Stück Kino, das nachdenklich stimmt.




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Land: Deutschland, Schweiz, Italien
Jahr: 2020
Genre: Drama, Dokumentation
Länge: 107 Minuten
FSK: 12
Regie: Milo Rau
Darsteller: Yvan Sagnet, Maia Morgenstern, Enrique Irazoqui
Verleih: Port au Prince Pictures GmbH

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