oder
Das Neue Evangelium
Das Neue Evangelium
© Port au Prince Pictures GmbH

Kritik: Das neue Evangelium (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ganz am Anfang seines neuen Films steht der Regisseur mit seinem Hauptdarsteller auf einem Hausdach und zeigt ihm die Drehorte. Milo Rau und Yvan Sagnet blicken in die Ferne. Die Gegend ist schneebedeckt. Sagnet folgt Raus Fingerzeig. Hier die Via Dolorosa, dort Golgota. Fast könnte man meinen, die Stadt, die sich unter ihnen auftut, sei tatsächlich Jerusalem. Doch es ist das süditalienische Matera, das schon Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson als Kulisse für ihre Bibelfilme diente. Raus Projekt hat indes nur am Rande mit dem Buch der Bücher zu tun.

Der Schweizer Theater- und Filmemacher Milo Rau ist für seine politischen Arbeiten bekannt. Wiederholt ging er mit politischen und gesellschaftlichen Missständen hart ins Gericht, jüngst etwa mit seinem Film "Das Kongo Tribunal", das die Hintergründe des Bürgerkriegs im Kongo vor einem symbolischen Gericht verhandelte. Ausgehend von der Frage, wie Jesus Christus, seine Jünger und deren Botschaft im 21. Jahrhundert aussähen, inszeniert Rau Christi Passionsgeschichte vor dem Hintergrund von Migration, Geflüchtetenkrise und prekären Arbeitsverhältnissen.

Herausgekommen ist eine virtuose Mischung aus Dokumentarfilm, Spielfilm und politischer Aktionskunst. Zwar sind die Antworten, die Rau darin gibt, naheliegend, zwar sind die Forderungen der Aktivisten simpel, das sind sie aber deshalb, weil sie so klar und offensichtlich sind. Yvan Sagnet und seine Mitstreiter fordern nichts weiter als ihre Rechte ein, was zu etwas mehr Gerechtigkeit führen würde. Der große Skandal besteht nicht in den Forderungen selbst, sondern darin, dass diese berechtigten Ansprüche beständig ignoriert werden – nicht nur von der Politik, sondern von einer breiten Öffentlichkeit, der die Zustände seit Jahren bekannt sind.

Raus Polittheater macht nichts anderes, als ein weiteres Mal auf diese Missstände hinzuweisen. Mal subtil, oft plakativ, stets aber eindringlich, bild- und wortgewaltig. Wie vom Schweizer gewohnt ist das auch dieses Mal kein einfaches, sondern unbequemes, mitunter sperriges, aber wunderschön anzusehendes Kino. Eine Woche vor Weihnachten erhält es nun einen digitalen Start – und scheint vor dem frohen Fest nötiger denn je.

Fazit: In seinem neuen Projekt packt Milo Rau die Bibel an und überträgt Jesu Botschaft ins Hier und Jetzt Süditaliens, das stellvertretend für Europas gegenwärtigen Zustand steht. Dieses "Neue Evangelium" ist ein nicht immer subtiler und durchaus sperriger, dafür aber stets bild- und wortgewaltiger Mix aus Dokumentarfilm, Spielfilm und politischem Aktionismus. Ein starkes Stück Kino, das nachdenklich stimmt.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.