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Kritik: Shane (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das erste Bier mit fünf, kurz darauf der erste Whisky – wohin soll so ein Leben führen? Vielleicht ja auf die Bühne, denn dort stand Shane MacGowan schon mit drei Jahren. Die Bretter, die die Welt bedeuten, waren ein Küchentisch im irischen Tipperary. Dort wuchs MacGowan mit vielen Onkeln und Tanten auf einem Bauernhof auf, bevor seine Eltern mit ihren zwei Kindern zurück nach England zogen. Auf dem Hof der MacGowans war die Bude abends oft voll – und der kleine Shane begeisterte die besoffene Dorfgemeinschaft mit irischen Liedern, die er von seiner Mutter gelernt hatte. Der Rest ist Legende.

Wie viel an diesen Kindheitserinnerungen wahr, wie viel erdichtet ist, bleibt offen. Wer Shane MacGowans Worten lauscht, die er mal in einem Pub im Gespräch mit Filmstar und Freund Johnny Depp, mal im eigenen Wohnzimmer während eines Plauschs mit dem ehemaligen Sinn-Féin-Vorsitzenden Gerry Adams von sich gibt, den beschleicht jedoch schnell das Gefühl, dass der Protagonist dieses Films zu maßloser Übertreibung neigt. Wie alles in diesem Leben sind auch die Geschichten zu viel, zeugen aber auch von einer poetischen Fabulierlust, die MacGowans Songs so großartig macht.

In Szene gesetzt wird der einstige Frontmann der Pogues von Julien Temple, dem ewigen Wegbegleiter des Punk. Temple hat einen kurzen und zwei lange Dokumentarfilme über die Sex Pistols, einen Dokumentarfilm über den The-Clash-Sänger Joe Strummer und unzählige Musikvideos gedreht – interessanterweise aber nie eins für The Pogues. MacGowans und Temples Wege kreuzten sich in Londons Punkszene dennoch häufig, und so sind in diesen Film auch viele Archivaufnahmen aus Temples Privatbestand eingeflossen, die bislang noch nirgends zu sehen waren.

Temples Porträt ist selbst Punk – eine wilde Bild- und Toncollage, die sich keinen Deut um Regeln schert und alles munter durcheinander wirft: Archivmaterial, Animationen, Interviews, Reenactment und, und, und. Es geht um Freiheits- und Klassenkämpfe, um Freund- und Feindschaften, um nationale Identitäten und Animositäten, um Minderwertigkeitskomplexe und Größenwahn, um den Glauben und das Abfallen davon, um Sehnsüchte und Süchte und selbstverständlich um Musik, die für Shane MacGowan Selbstverwirklichung bedeutet und all das zuvor Genannte beinhaltet.

Shane MacGowan, der seine Karriere und seine Gesundheit durch seinen Alkoholkonsum zerstört hat, hat dafür nie die Schuld bei anderen gesucht. Worin andere einen Todeswunsch sehen, darin sehen er und sein direktes Umfeld Lebensgier. Das Leben sei einfach besser mit einem Drink in der Hand. Dementsprechend ist er im Film fast immer mit einem zu sehen. Der Suff ist für ihn ebenso eine irische Tradition wie die irische Literatur und die irische Musik. Und wer weiß, vielleicht hätte es seine Karriere ohne den Alkohol überhaupt nicht gegeben. An seinem 60. Geburtstag verneigen sich viele Prominente – von U2s Bono bis Nick Cave – vor diesem Musiker und mit ihnen Julien Temples filmisches Porträt.

Fazit: Julien Temple, der ewige Wegbegleiter des Punk, hat Shane MacGowan, dem Begründer des Irish Folk-Punk, mit diesem Dokumentarfilm ein Denkmal gesetzt. Temples Film ist eine wilde Bild- und Toncollage, die sich tief vor MacGowan, seinem Leben, seiner Musik und seiner Fabulierlust verneigt. Ein würdiges, weil punkiges Porträt eines Künstlers, der sich von niemandem etwas vorschreiben lässt.




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