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Unter den Sternen von Paris
Unter den Sternen von Paris
© Arsenal

Kritik: Unter den Sternen von Paris (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Mein Vater macht Filme, in denen er versucht, Menschen zu verstehen, die wir nicht verstehen", hat Claus Drexels Tochter das Werk ihres Vaters treffend zusammengefasst. Zuletzt hat sich der aus Bayern stammende und in Frankreich arbeitende Regisseur diesen Menschen in zwei Dokumentarfilmen genähert. In "America" (2018) versuchte er, die Bewohner einer Kleinstadt in Arizona im Jahr von Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten zu verstehen. In "Au bord du monde" (2013) kamen Pariser Obdachlose zu Wort. Letztgenannter war die Inspirationsquelle für Drexels neuen Film.

Die Schauspielerin Catherine Frot hat "Au bord du monde" gleich mehrfach gesehen und war so angetan, dass sie Claus Drexel kontaktierte. Daraus entstand die Idee, über eine der im Dokumentarfilm vorgestellten Obdachlosen einen fiktionalen Spielfilm zu machen. Aus Frots Input machten Drexel und sein Co-Autor Olivier Brunhes eine um eine zweite Hauptfigur erweiterte, märchenhaft angehauchte Geschichte über Verlust und den Gewinn, anderen Menschen zu helfen.

Frot spielt die Obdachlose Christine, die sich von der Welt zurückgezogen hat. Obwohl sie tagtäglich für alle sichtbar durch Paris streift, hat sie zwischen sich und ihrer Umwelt eine Mauer des Schweigens errichtet. Das Sprechen hat sie beinahe verlernt. In den ersten Minuten kommt ihr kein Wort über die Lippen. Philippe Guilberts Kamera, die Paris' Schönheit ins perfekte Licht rückt, folgt Christine schweigend. Erst durch die Begegnung mit dem Jungen Suli (Mahamadou Yaffa) findet Christine ihre Sprache wieder – und setzt diese fortan ein, um den Jungen zurück zu seiner Mutter zu bringen.

Gemeinsam irren die zwei durch Paris. Es ist die berührende Odyssee eines ungleichen Paars, dessen Dynamik an Charlie Chaplins "Der Vagabund und das Kind" (1921) erinnert. Die Einführung einer zweiten Hauptfigur ermöglicht es Drexel und Brunhes zudem, auf das Schicksal von Geflüchteten aufmerksam zu machen. Unter den Sternen von Paris sind alle Menschen gleich. Die Randständigen helfen sich gegenseitig, weil ihnen sonst keiner hilft. Die Hilflosigkeit des kleinen Suli hilft Christine, zurück zu ihren Mitmenschen zu finden. Seine Aufgewecktheit weckt ihre Lebensgeister.

Für Claus Drexel ist das Leben eine Tragikomödie. Dementsprechend hat er aus seinem neuen Film eine anrührende, aber niemals rührselige, eine mal tragische, größtenteils aber ziemlich komische und poetische Geschichte gemacht. Die Musik von Valentin Hadjadj kommentiert das Geschehen fröhlich tänzelnd. Nächtliche Begegnungen gleichen Träumen aus Gemälden und Musik. Und Catherine Frots Christine sieht nicht wie eine echte Obdachlose aus, sondern so, wie wir uns eine typische Vagabundin vorstellen. Kleine, kunstvoll gestaltete Übertreibungen in einem kleinen, aber feinen Film.

Fazit: Claus Drexels "Unter den Sternen von Paris" ist eine poetische Tragikomödie über Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben und sich gegenseitig aus der Patsche helfen. Diese märchenhafte Geschichte ist anrührend, aber nie rührselig und keine Minute zu lang. Eine kurzweilige Lektion in Mitmenschlichkeit.




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