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Kritik: Sommer 85 (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Beim Versuch, François Ozons inzwischen 19 Spielfilme umfassendes Werk einzuordnen, scheint die einzige Konstante zu sein, dass es sich nicht ohne Weiteres einordnen lässt. Der 1967 geborene Franzose wechselt permanent die Genres und Inszenierungsstile. Und doch fühlt sich jeder neue Film wie ein François-Ozon-Film an. Neben Ozons Hang zu Übertreibungen und seiner Vorliebe für das Spiel mit Erzählebenen liegt das daran, dass Lust und Verlust, sexuelle Neurosen und Trauer, Eros und Thanatos bei ihm gern Hand in Hand gehen. Vieles davon findet sich in einem Roman, den Ozon bereits 1985 verfilmen wollte, es aber erst 35 Jahre später getan hat.

Das Liebesdrama ist von Aidan Chambers' 1982 veröffentlichtem "Tanz auf meinem Grab" inspiriert. Ozon hat das Buch mit 17 Jahren gelesen und mit 18 Jahren ein erstes Drehbuch verfasst. Viele Figuren, Nebenhandlungen und Elemente, die in der ersten Drehbuchfassung keinen Platz fanden, tauchten später in anderen Filmen Ozons auf und haben es jetzt auch in den fertigen Film geschafft. Die Handlung hat Ozon vom englischen Seebad Southend-on-Sea in die Normandie ins malerische Örtchen Le Tréport verlegt. Und auch die Erzählstruktur hat er verändert. Während in Chambers' Vorlage von vornherein klar ist, was passiert ist, macht Ozons Film daraus ein kriminalistisches Geheimnis.

Was den jungen François Ozon an dieser Geschichte faszinierte, liegt auf der Hand. Als er den Roman zum ersten Mal gelesen hat, war er im selben Alter wie dessen Protagonisten. Besonders gut habe ihm daran gefallen, dass die Homosexualität der Hauptfiguren nie problematisiert werde, hat der Regisseur in einem Interview gesagt. "Die Darstellungen von Schwulen in den Filmen der 1980er Jahre waren eher sehr dunkel und schmerzhaft", erinnert sich Ozon. Im Grunde hat er mit "Sommer 85" jetzt einen Film gedreht, wie er ihn vor 35 Jahren gern im Kino gesehen hätte.

Das Einfangen und Festhalten dieses Jahrzehnts und seines Lebensgefühls ist "Sommer 85" hervorragend gelungen. Schon wenn sich die Kamera während des Vorspanns zu einem Song von The Cure über die Strandpromenade erhebt, ist das Publikum mitten drin. Die Frisuren und Klamotten sitzen. Hauptdarsteller Félix Lefebvre sieht wie der junge River Phoenix aus. Und die Grobkörnigkeit des Super-16-Materials, auf dem Ozon gedreht hat, lassen den Film so aussehen, als sei er 1985 entstanden. Für ein rundum gelungenes Liebesdrama geht Ozons neuestem Werk jedoch das entscheidende Quäntchen Gefühl ab.

Kaum hat die Romanze zwischen den zwei jungen Männern begonnen, ist sie auch schon wieder zu Ende. Für die sich ankündigende Trennung findet Ozon zwar eine wundervolle Szene, die gleichzeitig die beste des Films und eine Hommage an Claude Pinoteaus "La Boum" (1980) ist. Insgesamt widmet die Handlung dem Kennenlernen der zwei Liebenden, dem vorsichtigen Annähern und Abtasten und der stürmischen Sommerliebe jedoch deutlich zu wenig Zeit. Im Gegensatz zu einem Film wie "Call Me by Your Name" (2017), zu dem sich ein Vergleich förmlich aufdrängt, bleibt "Sommer 85" zu verkopft. Letztlich steht die ausgeklügelte Form der Emotion im Weg.

Fazit: In seinem 19. abendfüllenden Spielfilm kehrt François Ozon zu seinen Anfängen zurück. Der französische Regisseur und Drehbuchautor hat einen Coming-of-Age-Film über eine Sommerliebe gedreht. Als Inspiration diente ihm ein Roman, den er als Jugendlicher gelesen hatte, als er im selben Alter wie seine Protagonisten war. "Sommer 85" ist mit viel Zeitkolorit und einigen tollen Ideen inszeniert. Insgesamt steht die verschachtelte Form des Films aber der Emotion im Weg.




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