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Kritik: Da 5 Bloods (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Da 5 bloods" ist der große Abwesende in der heurigen Awards-Season: Bei den Oscars reichte es in einem pandemiebedingt schwachen Jahr lediglich für eine Nominierung für den besten Soundtrack (wenngleich nachvollziehbar). Aber Bester Film? Fehlanzeige. Und eine überfällige Nominierung für Delroy Lindo als Bester Hauptdarsteller? Ebenso nicht. Lässt sich die Ignorierung bei den Oscars vielleicht noch dadurch erklären, dass ein penibel paritätischer Nominierungsprozess entlang von Identitäten anstatt nach Qualität auch seine (unerwünschten) Opfer zu verzeichnen hat, ist die weitgehende Absenz auch bei anderen Filmpreisen kaum nachvollziehbar.

Dabei ist "Da 5 bloods" ein durchaus gelungenes Werk und gehörte gerade im Filmjahr 2020 sicher zu den besten 10, 15 Filmen aus den USA. An "Blackkklansman", Spike Lees gefeierten und herausragenden Vorgängerfilm, kommt "Da 5 Bloods" natürlich nicht heran. Trotzdem: Lee erzählt versiert von Dämonen und Traumata, von Krieg und Gewalt, die nie aufhören, auch nicht nach vielen Jahren, von Schuld, aber auch von Vergebung - und von Liebe als "heilender Kraft". Nicht umsonst leitet Marvin Gayes Über-Album "What's Going On" den Soundtrack und den Film, diverse Textzeilen werden zu Grundmotiven und zum roten Faden - "God is love, God is my friend" -, der sich durch die blutroten Eskalationen zieht und (mögliche) Aussicht auf Heilung vermitteln soll.

Überragend ist Delroy Lindo als Trump-wählender, dauerwütender schwarzer Ex-GI, der seine (seelischen) Wunden des Krieges in "Nam" nie überwunden hat. Die Figur zeigt auch, dass Spike Lee ein erwachsener Filmemacher geworden ist, der beide Seiten einer Medaille kennt, der weiß, dass nicht alles (im wahrsten Sinne des Wortes) schwarz-weiß ist und dass die Realität oft komplexer ist, als viele das gern hätten. Augenscheinlich wird der Unterschied gerade im Vergleich mit Lees adoleszentem und überhitztem Frühwerk "Do the right thing", eine vor Wut schäumende Abrechnung mit der US-Gesellschaft, die zumindest in den Raum stellt, dass Gewalt eine Lösung wäre.

Die vor allem in den USA vorherrschende Lesart, die "Da 5 Bloods" in erster Linie im Kontext von Black Lives Matter sieht und für sich vereinnahmt, scheint deshalb zu kurz zu greifen. Lee fügt zwar gegen Ende wieder aktuelle Aufnahmen ein, die auf gegenwärtige schwarze Anliegen verweisen, der Film ist aber mehr ein klassischer Antikriegsfilm, der die Sinnlosigkeit von Krieg und den Hass auf allen Seiten zeigt und anprangert, eine Message von universeller Gültigkeit also - nur eben diesmals aus "schwarzer Sicht" erzählt, wie das bisher im US-Kino noch nicht geschehen war und auf in Nuancen unterschiedliche und von der Mehrheitsgesellschaft abweichende Erfahrungsrealitäten hinweist.

Was "Da 5 Bloods" den Weg zu einem Meisterwerk verbaut, ist der inkonsequente bis "schlampige" Schnitt, der auch dazu führt, dass der Film gefühlt zumindest 20 Minuten zu lang ist: Manche Szenen erscheinen zu ausladend oder gar überflüssig, das Timing bei der Schnittsetzung ist mangelhaft und die Überlappung der Zeitebenen (Rückblenden in die 70er, Gegenwart) klappt nicht immer. Es ist dies wohl die Schattenseite der neuen Netflix-Freiheit, die Regisseuren große Autonomie zugesteht, die oft wichtig und gut ist, in manchen Fällen aber in fehlender Fokussierung und Konsequenz endet.

Fazit: Ein starker Anti-Kriegsfilm mit einem auf hohem Niveau agierenden Cast und einem überragenden Delroy Lindo, der sich eine Oscar-Nominierung mehr als verdient hätte. Der inkonsequente Schnitt schmälert das Sehvergnügen etwas, aufgrund einiger wirklich starker Szenen ist "Da 5 Bloods" aber dennoch auf jeden Fall eine Sichtung wert.




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