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Kritik: Mitgefühl (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Dass in diesem Altenheim etwas anders läuft, sieht man auf den ersten Blick. Die Mitarbeiterinnen tragen nicht die übliche Arbeitskleidung, kein steriles Weiß in Weiß, sondern freundliche, hellblaue Kleider. Und auch die Ausstattung und das Mobiliar sehen so aus, als hätten sich die Alten hier eigenhändig häuslich eingerichtet. Überall hängen Gemälde an den Wänden und auf den Fluren laden bequeme Couchen und Regale voller Bücher zum Verweilen ein. In den Gemeinschaftsräumen steht ein Klavier. Eine Hauskatze und ein Hund gehören ebenso zum Inventar wie die Hühner im Garten. Die Atmosphäre, die mehr an eine Wohngemeinschaft denn an eine Pflegeeinrichtung erinnert, hat Methode.

Die Regisseurin Louise Detlefsen hat den Alltag in diesem ganz besonderen Altenheim über eineinhalb Jahre hinweg mit ihrem Team begleitet. Ihr Dokumentarfilm zeigt, dass Pflege auch anders funktionieren kann. Das äußere Erscheinungsbild von Dagmarsminde, wie dieses Demenzpflegeheim heißt, ist lediglich der erste Schritt in einem Pflegekonzept, das auf zwischenmenschliche Nähe, auf Gespräche, Verständnis, Nachsicht und Mitgefühl setzt und den Bewohnern dabei nicht so enge Grenzen setzt wie andere Einrichtungen.

Feste Schlafenszeiten gibt es zwar, doch wer nicht müde ist und partout nicht ins Bett will, der wird auch nicht ruhiggestellt. Der 89-jährige Torkild etwa, der sich seiner Krankheit nicht bewusst ist und sich nach seiner Ankunft in Dagmarsminde schnell so aufführt, als gehöre ihm die Einrichtung, geht nachts gern noch einmal vor die Tür und sieht im Garten nach dem Rechten. Das ist ihm ebenso gestattet wie allen Bewohnern ab und an ein Gläschen Alkohol, wenn es einen Grund zum Feiern oder zum Abschiednehmen gibt.

Vieles in diesem Pflegeheim ist ungewohnt, etwa dass der Tod eines Mitbewohners für die übrigen Bewohner nicht ausgeblendet wird. Stirbt jemand, dann wird die dänische Fahne vor dem Heim auf halbmast gesetzt und eine kleine Trauerfeier abgehalten. Auch der Umgang mit Medikamenten ist außergewöhnlich. Verabreicht wird nur, was unbedingt nötig ist. Die zwei am häufigsten gebrauchten Medikamente seien Paracetamol und Kuchen, scherzt die Heimleiterin May Bjerre Eiby.

Dass der Umgang mit demenzkranken Menschen nicht immer einfach ist, blendet dieser Film nicht aus. Wie die Pflegerinnen damit umgehen, ist ganz erstaunlich. Ebenso erstaunlich ist, dass diese zeitintensive Pflege gar nicht so viel kostet. Denn wie in kommunalen Pflegeheimen wird sie von der öffentlichen Hand bezahlt, sodass sich auch Menschen mit einer staatlichen Rente den Aufenthalt in Dagmarsminde leisten können.

"Auf politischer Ebene und in Bezug auf die gesellschaftliche Debatte hoffe ich, dass 'Mitgefühl' uns dazu bringen kann, darüber zu sprechen, wie wir uns die Altenpflege vorstellen", sagt Detlefsen über ihren Film. Das wäre wünschenswert. Denn das in ihrem Film vorgestellte Konzept von May Bjerre Eiby könnte ein Konzept für die Zukunft sein. Zumindest aber gibt Eibys Beispiel ausreichend Anlass, über die gegenwärtigen Strukturen und Konzepte in unserem Pflegesystem nachzudenken.

Fazit: Louise Detlefsens Dokumentarfilm über ein dänisches Pflegeheim und dessen außergewöhnliches Konzept ist inspirierend. Ihr Film geht mit den demenzkranken Bewohnern des Heims ebenso respektvoll um wie dessen Mitarbeiterinnen und stellt die drängende Frage, wie wir Pflege in Zukunft denken wollen.




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