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Kritik: Töchter (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die beiden Freundinnen Martha und Betty haben die Jugend längst hinter sich gelassen, aber in einer Beziehung sind sie innerlich noch Mädchen geblieben. Sie haben ihr Verhältnis zum eigenen Vater oder Stiefvater nicht geklärt, weil die Familien auseinanderbrachen. Die Kränkung, die die Zurückgelassenen mit sich herumschleppen, bricht sich auf einem Roadtrip in den Süden Bahn. Marthas Vater will zum Sterben in die Schweiz gefahren werden, und Betty, die Martha zuliebe mitkommt, möchte auch zum Grab ihres Stiefvaters nach Italien. Aber wieder machen die Väter ihren Töchtern einen Strich durch die Rechnung und erweisen sich als eigenwillig wie eh und je. Das von Komik, aber auch von tiefen Gefühlen durchzogene Drama der Regisseurin Nana Neul ("Mein Freund aus Faro") basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lucy Fricke. Die Schriftstellerin verfasste auch das Drehbuch, zusammen mit Neul.

Während sich Marthas Vater Kurt vollmundig als Gegner der Frauenemanzipation positioniert und im Auto auch sonst die Nerven seiner Tochter strapaziert, bemerkt man kaum, dass ihre Probleme tiefer liegen. Kurt, von Josef Bierbichler als Urgewalt gespielt, hat keine Angst, unsympathisch zu wirken. Kaum hat die empfindlich und abweisend reagierende Martha den Alten am Lago Maggiore bei der Frau seiner Träume abgesetzt, beginnt sie aber, sich über ihn Gedanken zu machen. Sie hängt mehr an ihm, als sie wusste. In dieser zweiten Phase geht es beiden Freundinnen nicht so gut, im Kontrast zu den schönen Landschaften, die sie bereisen. Betty hat keine Tabletten mehr, rutscht tiefer in ihre Vater-Krise, es sieht aus, als würden die beiden in einer existenziellen Sackgasse gelandet sein.

Birgit Minichmayr zieht in diesem Mittelteil meistens einen Flunsch. Beide Freundinnen benehmen sich so widerspenstig und auffällig, dass ein italienischer Polizist einmal zweifelnd fragt, ob das normale deutsche Frauen seien. Erst in der dritten Phase kommt die Entwicklung, die beide machen, konstruktiver zum Vorschein. Alexandra Maria Lara spielt Marthas Versöhnung mit der Tochterrolle sehr bewegend und Minichmayrs Betty stellt sich ihrem eigenen Drama mit beredtem Schweigen. Vielleicht brauchten beide Frauen die späte Bestätigung ihrer Väter, dass sie loslassen und sich selbst akzeptieren dürfen.

Fazit: Der Roadtrip, der zunächst nur dem vermeintlichen Ziel dient, einen alten Vater zum Sterben in die Schweiz zu fahren, entwickelt sich mit überraschenden Wendungen zur späten Coming-of-age-Geschichte zweier Töchter. Alexandra Maria Lara und Birgit Minichmayr spielen mit Sinn für Komik zwei Freundinnen, die beinahe in der Mitte des Lebens erkennen, nicht weit gekommen zu sein. Die Auseinandersetzung mit den früh abwesenden Vätern wird für die beiden Frauen zum umwälzenden Prozess. Unter der Regie von Nana Neul erweist sich das Drama, das auf dem gleichnamigen Roman von Lucy Fricke basiert, als gleichermaßen unterhaltsam und tiefgründig.




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