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Die Geschichte meiner Frau
Die Geschichte meiner Frau
© Alamode Film

Kritik: Die Geschichte meiner Frau (2022)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Titel dieses Spielfilms, der auf dem gleichnamigen Roman von Milán Füst aus dem Jahr 1942 basiert, täuscht. Denn im Zentrum des Geschehens steht der Kapitän Jakob, dessen Perspektive die opulente, sehr stilvolle Inszenierung von Ildikó Enyedi ("Körper und Seele") folgt. Das mit epischem Atem erzählte Drama seiner leidenschaftlichen, unglücklichen Ehe ist im Europa der 1920er Jahre angesiedelt. Seine zentrale Idee lautet, dass der gestandene, geradlinig denkende Kapitän zwar die Kontrolle über ein Schiff auf See hat, aber auf dem sozialen Parkett und angesichts der Raffinesse seiner rätselhaften Frau eine hilflose Figur abgibt.

Die Sympathien gehören von Anfang an diesem aufrichtigen Männercharakter. Gijs Naber spielt ihn als steifen, oft zurückhaltenden Gentleman, der seine junge Frau auf Händen tragen will. Was ihn an ihr fasziniert, raubt ihm auch jegliche Selbstsicherheit, denn sie ist verführerisch, unaufrichtig, verschlossen, mal beglückend und voller Esprit im Hier und Jetzt und im nächsten Moment schon wieder ausgeflogen.

Die Französin Lizzy macht sich über seine Ehrlichkeit lustig, fordert ihn auf, sich auch mehr Vergnügungen zu gönnen. Léa Seydoux spielt sie herrlich schillernd und provokant, wie einen Schmetterling, der sich nie fangen lässt. Aber Lizzy kann auch sehr melancholisch dreinschauen, als wäre sie Opfer eines unergründlichen Schicksals. Lizzy und Dedin, Jakobs zynischer, gewandter Gegenspieler, der keiner Arbeit nachgeht, sind in ihrer Dekadenz, ihrer exzessiven Feierlaune typische Kinder der 1920er Jahre. Wie die Ära tragen auch sie leicht morbide Züge.

Die Weite der See stehen der Enge der Kapitänskabine und der düsteren Wohnung gegenüber, welche das Paar schließlich in Hamburg bezieht. Lizzy vermisst das mondäne Paris, das besser zu ihr passte. Die Kostüme, die Ausstattung aber entführen stilsicher in die Epoche und die gesamte visuelle Gestaltung des Films wirkt ausgesprochen elegant. Allerdings bleibt das Sehvergnügen nicht ganz ungetrübt. Jakob ist zu sehr der tumbe Lehrling in Sachen Liebe. Auch sein Fall scheint letztlich die Regel zu bestätigen, dass sich Eheprobleme Außenstehenden entziehen. Lizzy bleibt zu sehr die fremde, nicht ganz erwachsen wirkende Person, die Jakob sieht und entwickelt wenig Substanz. Und so schön die Aufnahmen von Hamburg auch sind, so fällt doch auf, dass es wenig Straßenleben gibt, dass dieses Paar und mit ihm der Film selbst relativ abgeschnitten vom gesellschaftlichen Geschehen bleiben.

Fazit: Unter der Regie von Ildikó Enyedi vermag das mit epischem Atem erzählte Drama eines Schiffskapitäns und seiner Ehe lange zu fesseln. Denn die Hauptdarsteller Gijs Naber und Léa Seydoux überzeugen als Charaktere, die weder zueinander passen, noch voneinander loskommen. Die Inszenierung taucht mit prächtiger Ausstattung und visueller Eleganz in die Ära der 1920er Jahre in Europa ein. Im Laufe der überlangen Romanverfilmung aber lässt die Spannung nach und es zeigen sich leichte dramaturgische Schwächen.




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