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Waren einmal Revoluzzer
Waren einmal Revoluzzer
© JIP Film und Verleih

Kritik: Waren einmal Revoluzzer (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Johanna Moders Langfilmdebüt "High Performance – Mandarinen lügen nicht" (2014) handelte von zwei ungleichen Brüdern und deren Lebensentwürfen. Es ging um die Sinnsuche in einer Hochleistungsgesellschaft, um das Wechselspiel zwischen individueller Freiheit und finanzieller Anhängigkeit und um die Inszenierungen, die damit einhergehen. Denn jeder Lebensentwurf ist auch immer eine Performance, ein Schauspiel, das man für Verwandte und Bekannte aufführt. Vieles davon findet sich auch in Moders zweitem abendfüllenden Kinofilm wieder.

Erneut entführt uns Moder ins wohlsituierte Wien. Abermals sind Manuel Rubey und Marcel Mohab mit von der Partie, allerdings in vertauschten Rollen. Diesmal spielt Mohab den High Performer und Rubey den Lebenskünstler. Im Zentrum steht aber eine Frau, die von Julia Jentsch gespielte Richterin Helene, deren Gehalt es ihrem Mann Jakob (Rubey) überhaupt erst ermöglicht, seiner Musikerkarriere nachzugehen. Helene ist von ihrer Arbeit frustriert, ihr guter Freund Volker (Mohab) von der seinen gelangweilt. Der Therapeut ist selbst ein Fall für den Therapeuten. Mit seiner neuen Freundin, der Künstlerin Tina (Aenne Schwarz), soll nun aber alles besser werden. Die Sorgen der zwei Paare, die mal im gediegenen, mal im modern renovierten Altbau wohnen, sind pure Luxussorgen.

Von existenziellen Nöten, die Pavel (Tambet Tuisk), dessen Frau Eugenia (Lena Tronina) und ihr kleiner Sohn durchmachen, könnte das kaum weiter entfernt sein. Auch in ihrem neuen Film nimmt Moder diese Gegensätze und Widersprüche süffisant auseinander. Helenes und Volkers Hilfsbedürftigkeit fußt auf zwar sehr unterschiedlichen, letztlich aber auf egoistischen Motiven. Aber auch die andere Seite bekommt ihr Fett weg. Wirklich selbstlos handelt in diesem Film allenfalls Tina. Unter dem Schutzmantel der Bedürftigkeit verhalten sich auch die politischen Flüchtlinge egoistisch.

Wie schon in "High Performance" inszeniert Johanna Moder das sehr zurückhaltend und mit lebensnahen Dialogen. Ihr Film handelt von Nachgeborenen. Die gesellschaftlichen Kämpfe wurden bereits von deren Eltern ausgefochten. Die Kinder wären gern Revoluzzer geworden, wurden aber allenfalls Musiker, was eher einer Karikatur eines Revoluzzers gleicht. Hinter diesem Wunsch nach einem nonkonformen Leben steckt eine tiefe Unzufriedenheit. All die banalen Nachbarschaftsstreits, die Helene vor Gericht verhandelt, sind ein Symptom einer Wohlstandsgesellschaft, die verlernt hat, sich mit kleinen Dingen zufriedenzugeben und glücklich zu sein. Der Wunsch, einem politisch Verfolgten zu helfen, ist ein anderes. Und es ist symptomatisch, wie schnell die Hilfsbereitschaft in sich zusammenfällt, wenn der damit verbundene Aufwand das eigene Wohlbefinden stört. Eine kluge Tragikomödie, die die Selbstgefälligkeit verwöhnter und um sich selbst kreisender Mittelschichtler entlarvt.

Fazit: "Waren einmal Revoluzzer" ist eine fein beobachtete, lebensnah geschriebene und zurückhaltend inszenierte Tragikomödie über Egoismen. In Johanna Moders zweitem abendfüllendem Kinofilm prallen gegensätzliche Haltungen und Lebensentwürfe aufeinander. Moder entlarvt sie allesamt. Eine ebenso amüsante wie süffisante Komödie über eine Generation, die verlernt hat, glücklich zu sein.




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