oder

Kritik: Le Prince (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Gegen Ende dieses Films wird der Elefant, der im übertragenen Sinn von Anfang an im Raum steht, buchstäblich ins Bild gerückt. Die Kuratorin Monika (Ursula Strauss) überwacht den Aufbau einer Video-Installation. Nach verrichteter Arbeit sieht sie sich das Kunstwerk an. Auf eine große Leinwand wird ein Elefant projiziert, der versucht, wieder auf die Füße zu kommen. Auch diese Ansicht ist sinnbildlich zu verstehen, müssen sich zu diesem Zeitpunkt in der Handlung mit Monika und ihrem Partner Joseph (Passi Balende) doch zwei gestrauchelte Schwergewichte ihres Fachs wieder berappeln.

Lisa Bierwirths Langfilmdebüt ist durchzogen von solchen tollen kleinen Szenen, die selbsterklärend sind. Schon beim ersten Aufeinandertreffen der Kunstkennerin Monika und des Lebenskünstlers Joseph bedarf es kaum der Worte. Da kauern Joseph und Monika nun also im Hinterhof einer Kneipe im Frankfurter Bahnhofsviertel hinter Mülltonen, weil die Polizei vorne im Schrankraum gerade eine Razzia durchführt. Und so wie die beiden einander ansehen, ist klar, dass hier gerade etwas entsteht.

Das Drehbuch, das Lisa Bierwirth gemeinsam mit Hannes Held geschrieben hat, bietet dem Publikum viele Erklärungen für so etwas Unerklärliches wie die Liebe an, spricht aber keine davon explizit aus, weil sich auch Monika und Joseph nicht groß über ihre Liebe unterhalten. Sie leben sie einfach, bis die Leerstellen in ihren Leben zu einem Problem für ihre Beziehung werden. Monika ist erfolgreich, gutaussehend, aber alleinstehend, was Joseph und dessen Umfeld verwundert. Sie ist aber weder verzweifelt noch frustriert, allerdings von den Entwicklungen an ihrem Arbeitsplatz gefrustet. Womit sich Joseph über Wasser hält, bleibt hingegen immer ein wenig im Trüben.

Bierwirth und Held haben dies bewusst offengelassen, um ihr Publikum mit dem Elefanten im Raum zu konfrontieren: den postkolonialen Strukturen, die bis heute unser Denken durchziehen. Ein Kongolese, der von allen nur "Le Prince" genannt wird, weil er vielleicht einer ist und der in Deutschland mit Diamanten handeln will, macht es dem Publikum schwer, nicht in (rassistisches) Schubladendenken zu verfallen. Selbst die Figuren im Film sind nicht frei davon. In einer der stärksten, weil beiläufig schmerzvollen Szenen des Films erwischt es auch Monika. Hatte sie ihren Freunden bei einem Abendessen Joseph noch als ihren Lebenspartner vorgestellt, tut sie wenig später vor einem renommierten Kunstsammler so, als kenne sie Joseph nur flüchtig.

Die ach so liberalen und weltoffenen Kunstkreise, in denen sich Monika bewegt, stellen sich als ebenso abgeschlossen heraus wie die Zirkel aus Exil-Afrikanern, in die Monika durch Joseph gelangt. Der große Unterschied ist deren Durchlässigkeit. Monika kann problemlos zwischen den beiden wechseln, Joseph kommt aus seinem Umfeld nicht heraus. Weil ihn Monikas Freundeskreis niemals akzeptieren würde und dieser gleichzeitig überhaupt kein Interesse daran hat, den eigenen Dunstkreis zu verlassen und wie Monika in einen anderen vorzudringen. Josephs Umfeld hingegen ist offen und erscheint auf Außenstehende nur deshalb so homogen, weil sich die Außenstehenden nicht hineinwagen.

Mit viel Mut zur Lücke erzählt, von Jenny Lou Ziegels behänder Handkamera ansehnlich eingefangen und von Ursula Strauss und Passi Balende unaufgeregt, aber nachdrücklich gespielt, hat Lisa Bierwirth einen Film über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe gedreht. "Le Prince" handelt davon, dass es für die Liebe auf den ersten Blick nie zu spät ist, setzt dabei aber keine rosarote Brille auf. In diesem Beziehungsdrama überwindet die Liebe gerade nicht alle Widerstände. Stattdessen könnte man fragen, ob es nicht ein Luxusgut sei, eine Liebe leben zu können, hat Bierwirth treffend formuliert. Ihr Film stellt ebenso die Frage, was wir eigentlich über Afrika, diesen Riesenkontinent mit 55 Staaten, und über dessen Bewohner wissen und wie falsch das Bild, das wir uns im Kopf gemacht haben, womöglich ist.

Fazit: Lisa Bierwirths Langfilmdebüt erzählt von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Liebe und stellt die Frage, wie sehr postkoloniale Strukturen unser Denken bis heute prägen. Dieses unaufgeregt, aber nachdrücklich gespielte Beziehungsdrama ist von tollen kleinen Szenen durchzogen, die keiner Worte bedürfen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.