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Große Freiheit
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Kritik: Große Freiheit (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der österreichische Regisseur Sebastian Meise ("Stillleben") erinnert mit seinem bewegenden Drama, für das er mit Thomas Reider das Drehbuch schrieb, an die unrühmliche Geschichte des Paragraphen 175 in Deutschland. Dieses Gesetz erklärte bis 1969 Homosexualität unter Männern für strafbar und wurde erst 1994 komplett abgeschafft. Weil er Männer liebt, ist Hans Hoffmann in Nazi-Deutschland im Konzentrationslager gewesen. Doch auch die junge Bundesrepublik verfolgt ihn weiter und seine Zeiten in Freiheit sind wiederholt von Haftstrafen unterbrochen. Über die Jahre hinweg entwickelt sich zwischen dem unerschrockenen Mann, der sich seine Neigung nicht verbieten lässt, und einem zu lebenslanger Haft verurteilten Mörder eine zögerliche Freundschaft.

Hans hat beim Hofgang jemandem geholfen, der von Mithäftlingen attackiert wurde? Dann muss er eben wieder in die dunkle Isolationszelle. Die Bestrafungsmethoden sind schockierend und unbarmherzig, und der so ruhige Hans bekommt manchmal Panik, wegen der Dunkelheit. Zum Trost wirft ihm der heterosexuelle Viktor manchmal Streichhölzer oder auch Zigaretten in die Isolationszelle. Wie die beiden ungleichen Männer über die Jahre eine Schicksalsgemeinschaft bilden, erinnert entfernt an den Gefängnisklassiker "Papillon" mit Dustin Hoffman und Steve McQueen. Auch Hans und Viktor sind Rebellen im Geiste, obwohl sie nicht den großen Ausbruch vorbereiten, sondern nur versuchen, sich Klarheit über ihre spärlichen Spielräume in der Welt zu verschaffen.

Das Drama hat seine eindringlichsten Momente, wenn sich Hans und Viktor mit wenigen oder gar keinen Worten aufeinander einlassen. Georg Friedrich spielt den mit österreichischen Dialekt sprechenden Viktor sehr beeindruckend als einfachen, ungebildeten Mann, dem es dank Hans allmählich gelingt, vieles in neuem Licht zu sehen. Franz Rogowski wirkt als Hans so authentisch, als wäre ihm die Rolle auf den Leib geschrieben. Diese wortkarge Ausdruckskraft, der entschlossene, dann wieder verträumte Blick, die stoische Geduld, mit der Hans die Gefängnisstrafe als Schicksal erträgt und innerlich abwehrt, sind großartig und voller Würde. Ab und zu erklingen ein paar melodiöse Trompetenklänge, wie um daran zu erinnern, dass hinter Gittern Menschen wohnen, die sich nach Liebe sehnen, von etwas träumen. Dieser Film ist in seiner ganzen Inszenierung, aber vor allem auch wegen der beiden Hauptdarsteller ein unvergessliches Erlebnis.

Fazit: In dem bewegenden Drama von Regisseur Sebastian Meise läuft Franz Rogowski in der Rolle eines Homosexuellen, der von den Nazis ins KZ gebracht und in der Bundesrepublik über Jahrzehnte immer wieder ins Gefängnis geworfen wurde, zur Höchstform auf. Georg Friedrich spielt ebenfalls hervorragend einen langjährigen Mithäftling. Wie die beiden Charaktere wortkarg und zögerlich eine Schicksalsgemeinschaft bilden, aus der tiefere Gefühle erwachsen, beschert dem sorgsam und stilvoll inszenierten Film unvergessliche Momente.




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