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Kritik: Toubab (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Toubab" ist Florian Dietrichs Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und sein erster Langfilm überhaupt. Mit dieser locker-leichten Komödie, die schwere Themen nicht ausblendet, hinterlässt der 1986 in Wiesbaden geborene Regisseure eine beeindruckende Visitenkarte. Denn "Toubab" beweist, dass Filme mit einem diversen Cast und multikulturellem Inhalt auch hierzulande funktionieren können, wenn man den Inhalt und die Figuren ernst nimmt und nicht nur als schillerndes Beiwerk begreift, um etwas Farbe ins deutsche Einheitsgrau zu bringen.

Die Idee, aus einer Scheinehe komödiantisches Potenzial zu schlagen, ist nicht neu. Schon in Peter Weirs "Green Card" (1990) gingen die von Gérard Depardieu und Andie MacDowell gespielten Figuren eine Scheinehe ein, um eine Ausweisung aus den USA zu verhindern (und an eine begehrte Wohnung zu gelangen). Und in Dennis Dugans "Chuck und Larry" (2007) gaukelten zwei von Adam Sandler und Kevin James verkörperte heterosexuelle Feuerwehrmänner den Behören vor, ein homosexuelles Paar zu sein, um sich Sozialleistungen zu erschleichen. Doch wo es bei Weir um die Luxusprobleme wohlsituierter Weißer ging und Dugan nichts Besseres einfiel, als aus der vorgespielten Homosexualität seiner Hauptfiguren einen platten Gag nach dem anderen zu produzieren, ist Dietrichs Film seinen Vorgängern weit überlegen.

Die Geschichte, die der Regisseur gemeinsam mit Co-Autor Arne Dechow verfasst hat, ist konsequent aus der Sicht des Senegalesen Babtou erzählt, der zwar in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, von den Behörden aber keinen deutschen Pass erhält. Anders als in Komödie wie beispielsweise "Willkommen bei den Hartmanns" (2016) sind Babtous Probleme zentrales Thema und dienen nicht nur dazu, der weißen Mehrheitsgesellschaft ein gutes Gewissen zu verschaffen. Auch der Umgang mit der Sexualität der Figuren ist deutlich differenzierter als in vergleichbaren Komödien. Dass die zwei Hauptfiguren das schwule Pärchen nur spielen, ist lediglich am Anfang ein Witz. Je mehr die zwei sich zwangsläufig mit dem Thema auseinandersetzen müssen, desto mehr bauen sie ihre eigenen Vorurteile ab. In "Toubab" wird nicht die Homosexualität an sich verlacht, sondern das Bild, das Heterosexuelle von ihr haben, bevor schließlich die Homophoben ordentlich ihr Fett wegbekommen.

Von Kameramann Max Preiss souverän fotografiert, spielt das toll zusammengestellte und aufeinander abgestimmte Ensemble groß auf. Preiss' Bilder lassen Frankfurt bei Tag und Nacht verführerisch funkeln und fangen die Gegensätze der gesichtslosen Vorstadt-Betonburgen adäquat ein. Idyllisch in der Natur gelegen, schimmert doch auch immer der Brutalismus dieser Architektur durch. In dieser Welt, in der sich die Starken oder die, die den starken Max markieren, durchsetzen, lernen zwei Freunde, dass es auch anders geht. Farba Dieng als Babtou und Julius Nitschkoff als Dennis ergänzen sich fabelhaft. Das Publikum nimmt ihnen nicht nur ab, dass diese zwei seit dem Sandkasten miteinander befreundet sind, es nimmt auch Anteil an ihrer Entwicklung von (vorgeblich) harten Hunden zu sensiblen und toleranten jungen Männern.

Fazit: "Toubab" ist ein beeindruckendes Debüt. Regisseur Florian Dietrich legt eine beschwingte Komödie über ernste Themen vor. "Toubab" ist toll fotografiert, gecastet und gespielt und beweist, dass man auch im deutschen Kino ausgesprochen witzig von schwierigen Lebensverhältnissen voller Vorurteile, Ausgrenzung und Diskriminierung erzählen kann, ohne dabei die Moralkeule schwingen oder das schlechte Gewissen der Mehrheitsgesellschaft beruhigen zu müssen. Eine gelungene Komödie über Freundschaft, die am Ende gleich mehrere Grenzen überschreitet.




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