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Benedetta -
Benedetta -
© Central Film © Capelight Pictures © Koch Media

Kritik: Benedetta (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Regisseur Paul Verhoeven ("Basic Instinct", "Elle") erzählt gerne Geschichten über undurchsichtige Frauen, die ihre Sexualität als mächtiges Schwert der Rache oder Selbstbefreiung nutzen. Nun hat er sich der Geschichte der lesbischen Nonne Benedetta Carlini angenommen, die 1661 in der Toskana starb. Sein Spielfilm basiert auf dem 1986 erschienenen Buch von Judith C. Brown, die diese außergewöhnliche Biografie in alten Aufzeichnungen in einem Florenzer Archiv entdeckt hatte. Mit einigen fiktionalen Änderungen ist daraus ein Kinodrama geworden, das auf provokante Weise zusammenführt, was bis heute nicht zusammengehören darf: ein klösterliches Dasein als Braut Christi und als Frau, die ihre sexuellen Bedürfnisse mit einer anderen Person, noch dazu einer Frau, auslebt.

Verhoeven bemüht sich nicht darum, Benedetta auf feministische Weise zu verstehen, sondern konzentriert sich darauf, dass sie auf so unerhörte Weise gegen die Regeln verstieß. Wie Hildegard von Bingen und andere Ordensfrauen des Mittelalters und der Neuzeit, die nur als Mystikerinnen eigene Lehren verbreiten konnten, mehrt auch Benedetta ihren Einfluss, indem sie behauptet, in Visionen Jesus zu begegnen. Aber Benedetta ist weder eine Gelehrte, noch scheint sie eine Heilige zu sein. Die Wunden, die sie sich vermutlich selbst zufügt, die Eingebungen, die männliche Stimme, mit der sie manchmal wie in Trance spricht, sind Ausdruck ihrer Egozentrik. Virginie Efira verleiht dieser Frau ein Selbstbewusstsein und eine Sinnlichkeit, die natürlich und über jede Kritik erhaben wirken. Wie Benedetta ihre persönlichen Ziele verfolgt, lässt sie aber manchmal auch als rücksichtslos und wenig sympathisch erscheinen.

Charlotte Rampling ist sehr glaubhaft in der Rolle der entthronten Äbtissin, die stets an Benedettas besonderem Draht zum Himmel zweifelt. Hat ihr am Ende nur selbst der echte Glaube gefehlt? Der Film lässt vieles offen, so auch die Frage, was Benedetta im Grunde vorzuwerfen war, außer dem Sex samt zweckentfremdeter Marienstatuette. Der karge Alltag im Kloster, das Wüten der Pest, die Methoden der Inquisition werden gezeigt und verankern das Geschehen in der Epoche. Nur Benedetta bleibt ein Stück weit unverständlich, als versage ihr der Film eine erlösende Geste der Einfühlung.

Fazit: Unter der Regie von Paul Verhoeven entfaltet das auf dem Leben einer lesbischen Nonne aus dem 17. Jahrhundert basierende Drama eine schillernde, provozierende Kraft. Virginie Efira spielt die Ordensschwester Benedetta Carlini, die göttliche Eingebungen und auch das Wunder blutender Wundmale der Kreuzigung Christi empfängt, als selbstbewusste Frau, die sich heimlich eine sexuelle Beziehung gestattet. Charlotte Rampling beeindruckt als Benedettas Widersacherin, die an ihrem Draht zum Himmel zweifelt. Inwieweit Benedetta als eine Scharlatanin oder eher als eine gläubige Frau mit fortschrittlicher Einstellung zur Sexualität zu betrachten ist, überlässt Verhoeven mit aufregender Doppeldeutigkeit dem Publikum.




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