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À la Carte! - Freiheit geht durch den Magen
À la Carte! - Freiheit geht durch den Magen
© Neue Visionen

Kritik: À la Carte! - Freiheit geht durch den Magen (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das neue Werk des französischen Regisseurs Éric Besnard ("Birnenkuchen mit Lavendel") erzählt nicht einfach nur die Geschichte eines verliebten Kochs. Obwohl dessen köstliche Gerichte das Auge erfreuen und seine zarten Gefühle das Herz berühren, spielt auch die Einbettung des Geschehens in das Revolutionsjahr 1789 eine wichtige Rolle. Noch leben die Adligen in Saus und Braus und im Dorf des vom Herzog entlassenen Kochs hungern die Kinder. Aber der findige Mann, der Gerichte aus heimischen Zutaten kreiert, entwickelt eine visionäre Idee: ein Speiselokal, in dem Gäste aller Schichten einkehren und zwischen mehreren Gerichten wählen können. Tatsächlich entstanden die ersten Restaurants in Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Dem Film gelingt eine gute Mischung aus historischen Bezügen und aktuellen Sichtweisen. Manceron wird von seinem fortschrittlichen Sohn ermutigt, sich neu zu erfinden, statt immer nur darauf zu hoffen, dass ihn der Herzog zurückholt. Mit dem Niedergang des Adels steht auch die Wandlung der Kochkunst bevor, ähnlich wie Manceron sie vollzieht: weg von den aus dem Mittelalter stammenden, immergleichen Prunkgerichten, hin zu regionalen Produkten und neuen Kreationen. Aber einfach alles, was dieser Mann in der Küche herstellt, ergibt ein Fest für die Sinne. Wie er den Teig rollt, mit welcher Hingabe er die Deckel der Pastetchen verziert, beweist künstlerische Leidenschaft. Die Lust am Kochen und Genießen entspricht natürlich auch der heutigen Zeit. Geradezu modern wirkt auch die geheimnisvolle Louise, die ihre Meinung mutig vertritt und sich vom Lehrling zur ebenbürtigen Partnerin im Betrieb entwickelt.

Das Herz der Geschichte aber stellt Manceron dar, so feinsinnig und verletzlich, wie Grégory Gadebois diesen kräftigen Kerl spielt. In einer fantastischen Szene legt er Louise Früchte in den Mund, die sie erraten soll, und in seinen Blicken, seiner bedächtigen Art sieht man förmlich die Verliebtheit wachsen. Die Zuneigung von Manceron und Louise bleibt lange platonisch und teilt sich ohne Worte mit, verleiht dem ohnehin sehr sinnlichen Geschehen aber romantische Würze. Zum Genuss dieses schönen Films trägt ganz entscheidend die Kameraarbeit bei. Die Landschaftsbilder, der Nebel, die Wolken strahlen die gleiche sinnliche Kraft aus, wie Mancerons Arbeit. Und oft werden die Lebensmittel zu einem Stillleben arrangiert, wie man sie aus der alten Malerei kennt.

Fazit: Unter der Regie von Éric Besnard wird die Geschichte eines leidenschaftlichen Kochs am Vorabend der Revolution von 1789 zum Fest für die Sinne. Grégory Gadebois spielt den wortkargen, fleißigen Mann vom Lande auf fesselnde Weise als Verliebten, der sich in Zurückhaltung üben muss. Denn die Frau, die ihm in der Küche zur Seite steht, ist auf Abstand bedacht und verfolgt eigene Pläne. Die zarte Romantik und die genussvolle Inszenierung der Kochkunst vor dem Hintergrund eines Epochenwandels sind die Zutaten eines lohnenden Kinoerlebnisses.




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