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Saf (2018)

Türkisches Drama über ein Istanbuler Viertel im Wandel und darüber, was dieser Wandel mit einem Ehepaar anstellt.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
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Kamil (Erol Afsin) und seine Frau Remziye (Saadet Aksoy) leben im Istanbuler Stadtviertel Fikirtepe. Dort wird kräftig gebaut. Die alteingesessenen Bewohner und ihre bescheidenen Behausungen müssen gigantische Wohnkomplexen weichen, die an allen Ecken und Enden aus dem Boden schießen. In Kamils und Remziyes Nachbarschaft formiert sich Widerstand. Doch Kamil braucht dringend Geld und einen neuen Job, weshalb er bei einer der Baufirmen als Baggerfahrer anheuert, was nicht nur bei seinen Nachbarn auf Unverständnis stößt.

Kamil ersetzt den geflüchteten Syrer Ammar (Kida Khodr Ramadan), der auf seinen Job nicht verzichten will und Kamil droht. Auch Kamils türkische Kollegen machen ihrem Unmut, dass Kamil für einen Dumpinglohn arbeitet, unverhohlen Luft. Remziye und zwei gute Bekannte verstehen nicht, weshalb Kamil deswegen ein schlechtes Gewissen hat. Als Kamil eines Tages spurlos verschwindet, ist Remziye auf sich allein gestellt. Die Suche nach ihrem Mann verändert sie.

Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

Die Türkei ist im Wandel, was wohl nirgendwo so sichtbar wird wie in Istanbul. Ganze Stadtviertel werden dem Erdboden gleichgemacht, um Platz für Neubauten zu schaffen. Was das für die Menschen vor Ort bedeutet, davon erzählen seit einigen Jahren gleich mehrere Filme, zuletzt etwa Azra Deniz Okyays Langfilmdebüt "Ghosts" (2020). Während Okyay in ihrem Episodendrama die Wege vierer Protagonisten kunstvoll miteinander verwob, erzählt Ali Vatansever in seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm "Saf" in zwei klar voneinander getrennten Teilen aus der Perspektive eines Ehepaars.

Das Publikum folgt zunächst Kamil (Erol Afsin), später dessen Frau Remziye (Saadet Aksoy), die sich ihren Weg durch die Gemeinde Kadıköy, auf der asiatischen Seite Istanbuls gelegen, bahnen. Ihr Stadtviertel Fikirtepe und ihr Privatleben sind im Umbruch. Kamil sucht eine neue Arbeit, Remziye wünscht sich ein Kind, wovon Kamil nichts weiß. Und die ruchlosen Methoden der großen Baufirmen färben anscheinend auf die kleinen Leute ab. In diesem Mikrokosmos, in dem die Skrupel beständig sinken, ist Kamil der letzte Aufrichtige. Konsequenterweise bestraft ihn das von Vatansever selbst verfasste Drehbuch denn auch umgehend dafür, als er seine Ehrlichkeit zum ersten und einzigen Mal aufgibt.

Ali Vatansever erzählt von einer Welt voller Graustufen, deren entscheidende Akteure die Welt liebend gern schwarz-weiß malen. Es geht um vielfältige Konflikte: um neu gegen alt, um arm gegen reich, vor allem um arm gegen arm. Denn wie so oft werden die, die wenig haben, gegen die, die noch weniger haben, aufgehetzt. In "Saf" sind es die geflüchteten Syrer und eine Arbeitskraft aus Rumänien, die zur Zielscheibe werden. Ganz am Ende erkennt mit Remziye auch das Publikum, dass es auch anders geht.

Fazit: In seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm erzählt der Regisseur und Drehbuchautor Ali Vatansever von einem Istanbuler Stadtviertel im Wandel und davon, was diese Umbrüche mit den Bewohnern anstellen. Im Zentrum steht ein stiller und ehrlicher Mann, der seine Ehrlichkeit aus den falschen Gründen opfert. Seine Frau, die dieses Opfer einforderte, muss mit den Konsequenzen leben und lernt daraus. Vatansever inszeniert diese Moralgeschichte ebenso ruhig, wie sich seine Figuren durch den Film bewegen. Ein unaufgeregtes Drama, das nüchtern auf die Folgen der Gentrifizierung blickt.




Besetzung & Crew von "Saf"Alles anzeigen

Land: Türkei, Deutschland, Rumänien
Jahr: 2018
Genre: Drama
Länge: 102 Minuten
Kinostart: 24.02.2022
Regie: Ali Vatansever
Darsteller: Erol Afsin als Kamil, Saadet Aksoy als Remziye, Onur Buldu als Fatih
Verleih: Real Fiction



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