oder

Köy (2022)

Dokumentarfilm über drei kurdischstämmige Frauen aus verschiedenen Generationen in Berlin.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4.3 / 5

Filmsterne von 1 bis 5 dürfen vergeben werden, wobei 1 die schlechteste und 5 die beste mögliche Bewertung ist. Es haben insgesamt 3 Besucher eine Bewertung abgegeben.


Neno, Saniye und Hêvîn leben in Berlin. Sie sind kurdischstämmige Frauen aus drei verschiedenen Generationen. Neno ist das kurdische Wort für Großmutter. Die alte Dame ist die Großmutter der Dokumentarfilmerin Serpil Turhan und stellt sich ihren Fragen im Gespräch. Neno wurde in Ostanatolien mit 13 Jahren verheiratet und brachte elf Kinder zur Welt. Die Witwe zieht in Berlin in eine andere Wohnung um, die ihre Kinder ihr gekauft und eingerichtet haben. Darauf ist sie stolz. Kurz bevor sie zu Besuch ins anatolische Heimatdorf reisen will, erkrankt sie und stirbt.

Saniye ist eingefleischte Singlefrau und Cafébetreiberin. Sie wirkt selbstbewusst und erzählt, dass sie schon früh gegen die Eltern rebellierte, als diese ihr im Jugendalter das Spielen draußen verboten. Sie zog 1976 nach Deutschland, ist in der Welt herumgekommen, aber die Sehnsucht nach dem Leben auf dem Lande hat sie nicht losgelassen. 2019 löst sie ihr Café auf und zieht in das Heimatdorf im Osten der Türkei. Hêvîn ist gebürtige Berlinerin. Die junge Frau begann mit 17 Jahren, sich politisch für die Kurden in der Türkei zu engagieren. Sie kann nicht in die Türkei einreisen, ohne Gefahr zu laufen, verhaftet zu werden. Nachdem sie ein Schauspielstudium in Berlin anfängt, schränkt sie ihr politisches Engagement ein.

Bildergalerie zum Film

KöyKöyKöyKöyKöyKöy


Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

Wie haben drei Frauen mit kurdischen Wurzeln ihr Leben in Berlin eingerichtet? Wie gehen die Seniorin, die Selbstständige mittleren Alters und die Studentin mit der Sehnsucht nach Freiheit und Frieden in den kurdischen Dörfern der Osttürkei um, aus denen sie oder ihre Eltern stammen? Wie meistern sie den Spagat zwischen Selbstentfaltung und traditionellen Rollenerwartungen? Die kurdischstämmige, in Berlin geborene Filmemacherin Serpil Turhan führt über einen Zeitraum von drei Jahren Gespräche mit den drei Protagonistinnen, zu denen auch ihre Großmutter zählt. Unabhängig von ihrem Alter erweisen sich alle drei Frauen als starke, selbstbewusste Persönlichkeiten. Ebenfalls altersunabhängig fühlen sie sich zugleich der alten kurdischen Heimat verbunden.

Überraschenderweise ist es gerade die jüngste, in Berlin geborene und aufgewachsene Protagonistin Hêvîn, die sich politisch für die Freiheit und Selbstbestimmung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei engagiert. Damit greift sie eine Familientradition auf, verarbeitet aber auch die Erkenntnis, dass ihre Identität nicht allein im Berliner Alltag verankert ist. Die Freiheit, die sie in Deutschland erlebt, wünscht sie auch den Menschen in den kurdischen Dörfern der Türkei. Eine weitere Überraschung stellen die lebhaften Gespräche mit Neno, der Großmutter Turhans dar. Denn die Seniorin empfindet nicht so große Sehnsucht nach dem Heimatdorf und fühlt sich eher in Berlin in der Nähe ihrer Kinder und Enkel zuhause.

Auch die Cafébetreiberin Saniye wartet im Verlauf des Films mit einer überraschenden Entscheidung auf. Die emanzipierte Frau, die sich den Erwartungen einer Familiengründung verweigerte, wirkt sehr großstädtisch geprägt. Und doch beschließt sie, das Dorfleben in der Türkei auszuprobieren. Man hätte gerne mehr dazu erfahren, der Film endet leider vorher. Serpil Turhan ist im Gespräch mit den drei Frauen aus dem Off zu hören, und flicht dazwischen Beobachtungen aus dem Alltag von Neno, Saniye und Hêvîn ein. Oft wirkt Turhan als Dialogpartnerin zurückhaltend und sie reflektiert ihren eigenen Umgang mit der kurdischen Herkunft nur sporadisch. Eine gezieltere Vertiefung einzelner Fragen hätte die Porträts ergiebiger gemacht und besser strukturiert. Aber spannend und informativ sind diese Einblicke in das Leben kurdischstämmiger Frauen in Deutschland allemal.

Fazit: Die kurdischstämmige Berlinerin Serpil Turhan porträtiert in diesem Dokumentarfilm drei Frauen mit kurdischen Wurzeln, die ebenfalls in Berlin leben. Die Gespräche kreisen um den Spagat zwischen persönlicher Selbstbestimmung und dem Wunsch, die Verbindung zur alten Dorfheimat in der Türkei nicht abreißen zu lassen. Die politischen Konflikte und die Repressionen gegen die kurdische Bevölkerung in der Türkei tragen dazu bei, die fernen Dörfer zu Sehnsuchtsorten eines uneingelösten Freiheitsversprechens werden zu lassen. Die Protagonistinnen müssen abwägen, Entscheidungen treffen und sorgen dabei für Überraschungen.




TrailerAlle anzeigen

Zum Video: Köy

Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Deutschland
Jahr: 2022
Genre: Dokumentation
Länge: 90 Minuten
FSK: 0
Kinostart: 21.04.2022
Regie: Serpil Turhan
Verleih: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Verknüpfungen zum FilmAlle anzeigen





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.