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X (2022)

Humorvolle wie hammerharte Hommage: US-Horrorfilm über eine Filmcrew, deren Dreh tödlich endet.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse ??? / 5

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Texas, 1979: Der Stripklub-Besitzer Wayne (Martin Henderson) hat Großes vor. Gemeinsam mit dem Möchtegernregisseur RJ (Owen Campbell) will er ins Pornogeschäft einsteigen und kräftig absahnen. Während eines Wochenendes wollen sie in einer gemieteten Hütte auf einem Bauernhof am See einen künstlerisch anspruchsvollen Sexfilm drehen. Waynes Stripperinnen Maxine (Mia Goth) und Bobby-Lynne (Brittany Snow) sowie der gutbestückte Jackson (Kid Cudi) sollen die Hauptrollen spielen. RJ führt neben der Regie auch die Kamera, die biedere Lorraine (Jenna Ortega) übernimmt den Ton.

Doch die kleine Filmcrew hat die Rechnung ohne ihre Vermieter gemacht. Als das steinalte Ehepaar Howard (Stephen Ure) und Pearl (ebenfalls: Mia Goth), denen die Hütte und das weitläufige Grundstück drumherum gehören, vom Filmdreh Wind bekommen, gerät das Wochenende außer Kontrolle.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Als Regisseur von Horrorfilmen hat man's nicht leicht. Alles ist schon einmal da gewesen, alles hat das fachkundige Publikum schon einmal irgendwo anders gesehen. Wirklich Neues zu schaffen, ist schwer. Und wenn's ganz doof läuft, dann gerät das ernstgemeinte Grauen ganz schnell unfreiwillig komisch. Ti West ("The House of the Devil", "The Inkeepers") geht in seinem neuen Horrorschocker einen interessanten Mittelweg. Sein Film huldigt anderen und ist doch weder billiger Abklatsch noch pure Hommage.

Alles in "X" wirkt seltsam vertraut, weil West so viele Versatzstücke aus der (Horror-)Filmgeschichte – von Alfred Hitchcocks "Fenster zum Hof" (1954) und "Psycho" (1960) über Tobe Hoopers "Blutgericht in Texas" (1974) und "Blutrausch" (1976) bis zu Stanley Kubricks "Shining" (1980), um nur die offensichtlichsten zu nennen – einarbeitet, dass man beim Zuschauen schnell den Überblick verliert. Und trotzdem funktioniert sein Film prächtig, weil West seinem Publikum nicht alle Anspielungen dick aufs Auge drückt, vor allem aber deshalb, weil sein Film auch ohne deren Kenntnis verständlich ist. Schlicht und einfach deshalb, weil West über all der Nostalgie nicht vergisst, eine eigene Geschichte zu erzählen.

Und was ließe sich über diese bizarre Story alles philosophieren?! Allein der Umstand, dass Mia Goth hier in einer Doppelrolle zu sehen ist, dass sie sowohl das Final Girl als auch die Bösewichtin gibt, betörende Jugend und verwelktes Alter verkörpert, die eine erotisch-morbide Liaison miteinander eingehen, lässt das Herz eines jeden Freudianers höherschlagen. In Wests Film hat alles einen doppelten und dreifachen Boden.

Schon der Filmtitel ist doppelt konnotiert. Im Englischen klingt der Buchstabe X ausgesprochen wie "axe", das Wort für Axt. Das X spielt aber nicht nur auf eine in Horrorfilmen gern eingesetzte Mordwaffe, sondern auch auf die höchste Altersfreigabe von Filmen an, die in den USA bis 1990 bestand und nach dem Kassenerfolg von Gerard Damianos "Deep Throat" (1972) vor allem Pornofilmen wie seinem aufgedrückt wurde. Inzwischen wurde das X-Rating von der Altersfreigabe NC-17 abgelöst. Ti Wests neuer Film kann folglich gar kein X-Rating mehr erhalten. Ironischerweise ist der Film in den USA, trotz all der nackten Haut, aber lediglich mit einem R-Rating versehen worden, (was bedeutet, dass Jugendliche unter 17 Jahren ihn nur in Begleitung eines Erwachsenen sehen dürfen). Dass der Film auch in Deutschland eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten hat, verwundert dann schon ein wenig – weniger wegen der harmlosen Sexszenen, sondern wegen der Brutalität.

Dass in "X" nicht nur nackte Haut, sondern auch Blut und geplatzte Schädel zu sehen sein werden, macht der Regisseur durch viele schön eingesetzte Vorausschauen klar. Wer diese übersieht, muss nur genau hinhören. Denn dass der Film auf halber Strecke seine Richtung wechselt, darüber unterhalten sich die Figuren. Unter all den Horrorfilmen, die voller Verweise und Metaebenen stecken, ist "X" eine spannende Mischung: humorvoll und horribel, ästhetisch und abstoßend zugleich. Ein Film, der eine sonderbare, bizarre Stimmung verströmt.

Fazit: "X" ist ein Streifen, der um die Geschichte des Horrorfilms weiß und aus diesem Wissen Kapital schlägt. Atmosphärisch dicht und ausgesprochen eigenwillig, inszeniert Regisseur Ti West einen Horrorfilm, dem es gelingt, vieles zugleich zu sein: humorvoll und horribel, ästhetisch und abstoßend, traditionell und innovativ. Furchtbar sehenswert!




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Land: USA
Jahr: 2022
Genre: Horror
Länge: 105 Minuten
Kinostart: 19.05.2022
Regie: Ti West
Darsteller: Mia Goth als Maxine / Pearl, Jenna Ortega als Lorraine, Brittany Snow als Bobby-Lynne
Verleih: Capelight Pictures

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