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Kritik: Religulous (2008)


Kaum zwei Jahre her ist es, da schickte Larry Charles den Komiker Sascha Baron Cohen auf eine Reise quer durch die USA. In der Rolle des kasachischen TV-Journalisten Borat Sagdiyev reiste er durch das Land, immer auf der Suche nach bigotter amerikanischer Moral. Dass es dafür auch reichlich Hiebe gab, wunderte angesichts der drastischen Inszenierung nicht. Jetzt meldet sich der Borat-Regisseur mit seinem aktuellen Film zurück, der Potenzial enthält, die Gemüter noch weitaus mehr zu erhitzen.

Religion und Glaube können niemals objektiv beleuchtet werden. Entweder man glaubt, zweifelt oder ist bekennender Atheist. Echte Neutralität ist kaum möglich. Und da sich der Autor selbst von Voreingenommenheit nicht freimachen kann; mehr noch als bei jeder anderen und zwangsläufig subjektiven, Filmbesprechung, ist diese Kritik eben auch im höchsten Maße vom persönlichen Standpunkt geprägt oder um es einfacher auszudrücken: „Religulous“ wird man lieben oder hassen.

Es ist ein unverblümter Schlag ins Gesicht des Gläubigen. Hingegen für bekennende Atheisten, könnte es glatt eine „Offenbarung“ sein. Multitalent Bill Maher (Komiker, Schauspieler, Schriftsteller und Fernsehproduzent), der bis 2002 im amerikanischen Fernsehen die Late-Night-Talkshow „Politically Incorrect“ moderierte, reist quer durch die Welt, um Vertretern religiöser Gemeinschaften, die alles entscheidenden Fragen zu stellen. Als Sohn einer jüdischen Mutter und eines katholischen Vaters, erscheinen dem bekennenden Agnostiker die fundamentalen Grundfesten aller Glaubensrichtungen einfach nur absurd. Und eben das ist klares Ziel dieser kompromisslosen Antireligions-Kampagne: den Beweis dafür anzutreten.

Bill Maher macht dabei vor wenig halt. Konsequent führt er religiöse Verblendung und die aberwitzigen Argumentationsketten Gläubiger vor: Ob ehemals Schwule, die nach ihrer gleichgeschlechtlichen „Verirrung“ eine ehemalige Lesbierin heirateten, nun konform des christlichen Glaubens leben und behaupten, kein Mensch würde als Homosexueller auf die Welt kommen; Imame, die im Koran keine einzige Stelle finden, die zur Gewalt animiert oder Mormonenoberhäupter, die ihren Mitgliedern weismachen wollen, dass Jesus ein Außerirdischer war. Die Beispiele sind zahlreich und Maher sucht sich selbstredend die Extremsten aus.

Das macht Satire im Wesen aus: In der großen Übertreibung, die oftmals in grotesker, teils makaberer Komik münden kann, wird die Absurdität deutlich. Es bedarf tatsächlich Beispiele aus religiösen Disneylands, in denen Kreationisten Pseudopaläontologie betreiben und behaupten die Erde wäre ungefähr 6000 Jahre alt und Menschen hätten im Garten Eden zusammen mit Dinosauriern gespielt, um das Potenzial der Verblendung offen zu legen. Maher hat es nicht auf die gemäßigt Gläubigen abgesehen, die in ihrem Glauben Halt und Hoffnung erfahren und die in der Religion ein ethisches System sehen, dass unser aller Zusammenleben im Positiven regelt. Gelegentlich werden die in der Doku zwar belächelt, aber aufs Korn genommen werden die Auswüchse des Glaubens, die zu Hass, Verblendung und Gewalt führen.

Fazit: In Zeiten, in denen Holocaustleugner, die sich selber Christen nennen, immer wieder für Aufruhr sorgen und Irregeleitete immer noch ihren Weg ins Paradies mit einem Bombengürtel um den Leib beschleunigen, braucht man die Legitimation einer, zugegebenermaßen geschmacklich teils grenzwertigen, Doku wie „Religulous“ nicht zu hinterfragen.

Bewertung: 9/10





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