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Kritik: Che 1: Revolucion (2008)


Das Konterfei ist unverwechselbar: eine Barett-Uniformmütze hält die wilde Haarmähne im Zaum und ein kräuseliger Vollbart ziert das Gesicht des Mannes mit der Zigarre: Che Guevara, Mann wie Mythos und die Person, die neben Fidel Castro die maßgebliche Figur im revolutionären Bestreben auf Kuba war, das letztendlich zum Sturz des verhassten Batista-Regimes führte. Nach sieben Jahren Vorbereitung und Recherche realisierten Regisseur Steven Soderbergh und Benicio Del Torro, der nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch die Produktion übernahm, ein viereinhalbstündiges Epos, dass die Zeit und das Leben Che Guevaras in wesentlichen Zügen, während der kubanischen Revolution und dem Versuch diese nach Bolivien zu exportieren, nachzeichnet. Und da sich dieses Biopic nun im Besonderen mit der Zeit Guevaras auf Kuba und in Bolivien beschäftigt, kommt es als Zweiteiler in die Kinos: Als "Che – Revolucion" und "Che – Guerrilla". In stimmungsvollen, dokumentarisch anmutenden Bildern setzt der Film ein. Die Atmosphäre, welche entsteht, verheißt viel: Es ist das Jahr 1964. Che Guevara reist als Kopf einer kubanischen Delegation nach New York und spricht flammend vom Geist der Revolution und den Gedanken der Freiheit vor der UN-Generalversammlung. Man merkt gleich, Del Torro ist in seinem Element. Der Mann für die besonderen Rollen und die ambivalenten, leicht antithetischen Helden, wie in "Traffic" oder "Things we lost in the Fire", hat sich penibel auf seine Aufgabe vorbereitet. Er spielt nicht Che, er ist Che. Zeitsprung zurück: Im November 1956 brechen 82 Revolutionäre, unter ihnen die Castro-Brüder und Che Guevara, mit der Motoryacht Granma nach Kuba auf. Ihr Ziel: den von der US-Regierung unterstützten Diktator Fulgencio Batista zu stürzen. Heldenhaft kämpft sich zu Beginn die kleine Truppe durch den Urwald, jeden Augenblick mit der Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und eines plötzlichen Todes konfrontiert. Weit in der Unterzahl, tasten sie sich mühsam von Erfolg zu Erfolg. Und einer unter ihnen wird ganz besonders zum Symbol des Kampfes. Eigentlich Argentinier, hat Guevara diesen Kampf zu seinem eigenen gemacht. Wo Castro als Verstand der Revolution agiert, wirkt Guevara, der Medizin studiert hat, als das Herz und die Seele dieser. Es dauert nicht lange, und die Reihen der Revolutionäre füllen sich. Selbst Regierungstruppen laufen zu ihnen über. Der Sturz des Regimes ist nur noch eine Frage der Zeit. Im Einzelnen alle Ereignisse nachzuerzählen, macht nicht viel Sinn. Das steht in jedem Geschichtsbuch besser und ausführlicher. Entscheidend ist, dass der erste Teil perfekt die Stimmung und den Entwicklungsgang dieser Revolution einfängt. Die Authentizität der Bildsprache, die atmosphärische Dichte und besonders die glaubhafte Interpretation Del Torros tragen dazu bei, ein starkes Portrait auf Zelluloid verewigt zu haben. Vielleicht gar zu stark und womöglich idealisiert. An dem Glorienschein Che Guevaras wird nicht einmal ansatzweise gerüttelt. Als hehrer Paladin geht diese Figur in den Kampf und als solcher kommt er auch aus diesem heraus. Der heilende Arzt, der kämpfende Philosoph; das wirkt schon reichlich messianisch. Kein Wort und kein Bild zeigen die Grausamkeiten nach dem Sieg; die Massenhinrichtungen der Batista-Treuen. Auch wenn in der Folge Castro und Co viel Gutes auf Kuba gewirkt haben; letzten Endes war es in Punkto Freiheit nicht anders als unter Batista: Wer nicht mit dem Regime war, war gegen das Regime. Doch solche Feinheiten werden nicht thematisiert. Nicht einmal im "Subtext". Das gilt auch für die politischen Nachwehen der Revolution: Ebenso wie Guevaras Zeit im Kongo ausgespart wird, findet seine Sympathie für das China der Kulturrevolution keine Erwähnung. Eine Sympathie, die ihn sogar mit Castro entzweite. Der zweite Teil des Portraits setzt Jahre später in Bolivien ein. Guevara ist von allen seinen Ämtern des befreiten Kubas zurückgetreten und möchte die Revolution nach Rest-Südamerika exportieren, angefangen in Bolivien. Es ließen sich nun reichlich Worte über diesen zweiten Teil, der ebenfalls mit 131 Minuten daherkommt, verlieren. Doch es lohnt nicht. Am Ende stehen lediglich über zwei Stunden Langeweile und die Gewissheit, miterlebt zu haben, wie eine Revolution scheitert. All das, was auf Kuba gut und richtig war und funktionierte, läuft in Bolivien ins Leere. Vielleicht ging es den Menschen nicht schlecht genug und die Unterdrücker waren nicht derart verhasst; vielleicht hatte "Che" seine Magie verloren und konnte sein Anliegen nicht mehr glaubhaft rüberbringen. Wie auch immer, den zweiten Teil hätten sich Soderbergh und Del Torro in dieser Form nahezu sparen können; lässt er sich doch vom tatsächlichen Gehalt leicht auf ein Drittel zusammenstreichen. Fazit: Für die Kubaner ein Volkheld, für die politische Linke ein Ikone; lädt dieser Zweiteiler nicht wirklich zur politischen Auseinandersetzung ein. Zu wenig ambivalent ist die Figur Che Guevaras gezeichnet, zu makellos seine Darstellung. Wenn auch Del Torros Leistung inspirierend ist, kann sie nur als Sichtweise verstanden werden und nicht als objektive Sicht der Figur. Der erste Teil eignet sich aber noch sehr gut, um sich der Zeit und den historischen Geschehnissen auf Kuba zu nähern. Doch es hätte leidlich genügt, die Handlung des zweiten Teils komprimiert an den ersten anzuhängen und einfach einen (sehr) langen Film zu machen. Über zwei Stunden ein paar "verranzte Strubbels" durch den Busch kriechen zu sehen und auf das grausame Ende Guevaras zu warten, lohnt nicht wirklich für einen eigenen Film.





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