VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Tödliche Weihnachten (1996)


Das blut- und dreckverschmierte T-Shirt sieht nach Bruce Willis aus. Die Actionknallt und scherzt so wie sie es oft in der Nähe von Bruce Willis macht. DerMitspieler Samuel L. Jackson begleitete Willis in “Stirb langsam 3” und selbstder Regisseur Renny Harlin hatte in “Stirb langsam 2” einige Erfahrungen mitBruce Willis sammeln können. Doch der harte Held dieser Action-Komödie ist -Geena Davis.

Schon der Vorspann kommt rätselhaft daher: Ein Gesicht, eine Unterschrift verkehren sich ins Negativbild, werden unkenntlich und dämonisch. Klar hingegen sieht das Leben von Samantha Caine aus. Zwar erinnert sich die glückliche Mutter nur an die letzten acht Jahre ihres Lebens, doch mit denen ist die Lehrerin zufrieden. Früher beauftragte sie noch teuere Agenturen, um herauszufinden, was vor ihrem Gedächtnisverlust passierte, doch heute ist ihr die Sache nur noch schmierige Detektive wert. Nach einem schrecklichen Autounfall erinnert sich zuerst der Körper von Sam: Plötzlich beherrscht die bis dahin nicht gerade begabte Köchin das Messer wie eine Akrobatin. Am Ende dieser faszinierend rasanten Szene steht fest: Sam war Chefkoch.

Das Arsenal übler Typen, das sich allerdings gleichzeitig auf die Suche nach Sam macht, läßt anderes erahnen. Durch die Fernsehausstrahlung eines provinziellen Weihnachtsumzuges entdeckt die Unterwelt, das eine ihrer gefährlichsten Figuren noch lebt: Sam war einst Charly Baltimore, ein perfekter Killer im Regierungsauftrag. Jetzt hat sie im Schnellfeuer der wechselnden Attacken kaum Zeit, sich an die einst vertrauten Gesichter zu erinnern. Dabei könnte schon leichtes Zögern über Freund oder Feind tödlich sein. Als zusätzliche Schwierigkeit haben sich die Fronten zwischen Gut und Böse in den letzten
acht Jahren stark verändert.

So unterhaltsam er ist, der Film hängt zwischen den Stühlen: Anfangs freuen sich die Fans psychologischer Spannung über die krassen Wechsel von netter Sam zu knallharter Charly. Die Auflösung kommt jedoch zu schnell, während die rasant und raffiniert choreografierten Actionsequenzen selten bleiben. Die Gegner zielen dauern auf Unbeteiligte und treffen diese verdammt gut. Ohne die berühmte Ladehemmung wäre auch “Tödliche Weihnachten” nur halb so lang. Während Sam noch fein und stimmig gezeichnet war, schlägt Charly jede Wahrscheinlichkeit in die Flucht - bigger than life muessen diese Action-Typen halt sein.

Mit Samuel L. Jackson erhielt Geena Davis einen lustigen Partner, dessen beste Waffe die knappen, unschlagbaren Scherze sind. Der gegnerische Timothy (Craig Bierko) ist ein sehr gut aussehender Sadist mit bösem Lächeln. Der so moderne Tritt gegen das Schienbein staatlicher (Un-) Sicherheitsinstanzen darf nicht fehlen und fällt besonders heftig aus: Da soll der eigene Geheimdienst die Bombe im New Yorker World Trade Center gelegt haben, um Etatkürzungen zuverhindern.

Wirklich bemerkenswert ist, wie sich Geena Davis dieses Männergenre erobert hat. Sie drohte mit “Lottergeist Beetlejuice” (1988) oder “Zebo, der Dritte aus der Sternenmitte” (1989 an der Seite ihres ersten Gatten Jeff Goldblum) eine hervorragende, aber nur nette Lachnummer zu werden. “Thelma und Louise” (1991) an der Seite der starken Susan Sarandon ließ aufmerken, erhält aber erst im Rückblick seine Bedeutung. Die Heirat mit dem gefeierten und ausgewiesenen Action-Regisseur Renny Harlin paßte da hervorragend in ein Gemeinschaftskonzept aus Karriere-Liebe. Gemeinsam gründeten sie die Produktionsfirma “The Forge” und realisierten bislang “Sprachlos” (1995) und “Die Piratenbraut” (1995) - immer mit Geena in der Hauptrolle. Die Biographen mögen entscheiden, ob sich wieder ein männlicher Regisseur seinen weiblichen Star heranzieht, oder ob sich eine der erfolgreichsten Frauen Hollywoods den idealen Partner suchte, um den engen Rollenkorsetts für Frauen zu fliehen.

Die Songs des Films pointieren den Geschlechter-Diskurs: Samuel L. Jackson verstärkt seine komische Wirkung durch den verzweifelt geschrienen Wunsch “I'm a man!” Den Schlußton setzt Neneh Cherry dagegen mit dem moderneren “Woman”.






Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.