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Kritik: Romeo und Julia (1996)


Endlich traut sich einer mal was, sucht einen neuen Weg, good old Shakespeare ein jugendliches, postmodernes, popkulturelles Outfit angedeihen zu lassen. Vier Jahre nach "Strictly Ballroom", einem so romantischen wie ungewöhnlichen Tanzmärchen, hat sich der von Hollywood hofierte Australier Baz Luhrmann die tragische Liebe Romeos und Julias vorgeknöpft und den Schauplatz in eine von äußeren Reizen überflutete neuzeitliche Welt versetzt und entsprechend rasant und brutal montiert.
Geblieben sind Shakespeares Originaldialoge, wo nötig "übersetzt" in amerikanischen Slang (Originalfassung daher unbedingt empfehlenswert). Mobilität verleihen PS-starke Breitreifen-Cruiser, gekämpft wird mit überdimensionierten Schnellfeuerpistolen, statt Rüschenhemd kleidet sich die "young and desperate generation" in trendgemäße legere Freizeitklamotten - je bunter desto besser. In punkto Ausstattung spricht Luhrmanns Klassikeradaption eine hypermoderne Sprache, mit der ältere Semester eher ihre Schwierigkeiten haben dürften. Die Ernsthaftigkeit der Vorlage
ignoriert der Australier in weiten Teilen, transkribiert die durch eine Überzeichnung gar nicht mal mehr so anrührende Liebesgeschichte auf ein komödiantisches Comicniveau. Genaues hinsehen ist erforderlich, will man die im Detail steckenden Doppeldeutigkeiten von Vergangenheit und Gegenwart auf Anhieb erfassen. Unverständlich wird der Film dadurch nicht, im Gegenteil: er bleibt auch bei wiederholter Betrachtung frisch. Wozu der an die Zielgruppe gerichtete Soundtrack mit Songs u.a. von Garbage, Butthole Surfers, The Cardigans und Radiohead ebenfalls sein Scherflein beiträgt.
Um Leonardo DiCaprio als James-Dean-ähnlichem Romeo und die engelhafte, von Claire Danes gespielte Julia scharen sich mit John Leguizamo, Pete Postlethwaite, Paul Sorvino und Harold Perrineau Jr. eine ganze Reihe gut gewählter, an die poppig-schrille Umgebung angepaßte Schauspieler. Mercutio, Romeos bester Freund, beispielsweise ist als Drag-Queen ebenso Freakfigur wie der auf Latino-Macho gestylte Tybalt. Zeitlupeneffekte sind nur eine Variante, durch die sich die innovative, stark an MTV-verwöhnte Konsumenten ausgerichtete Produktion auszeichnet. Shakespeare goes Popart - in diesem Fall ein sehr gelungenes Experiment





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