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Kritik: Lügen und Geheimnisse (1996)


Das neue Werk Mike Leighs ("High Hopes", "Naked"), das in Cannes als bester Film die "Goldene Palme" erhielt, lebt von Kontrasten, von der naturgetreuen Zeichnung verschiedener Milieus: Ist Hortenses Wohnung in rigidem Schwarz-Weiß gehalten und sehr clean und durchgestylt, so brechen durch die gebluemte Decke in Cynthias feuchtem Reihenhaus "die reinsten Niagara-Faelle" durch.

Ist Hortense gebildet, gewandt und von Beruf Optometrikerin (Cynthia: Was'n das?"), so dümpelt die frustrierte Cynthia als Schlitzerin in einer "Kartonagenfabrik" dahin. Die Kommunikation zwischen Cynthia und Roxanne ist von Anfang an von unfreiwilliger Komik durchsetzt, wie das ruehrende Treffen in einer menschenleeren Kantine belegt: "Ich waere gerne Hebamme geworden", erzaehlt Cynthia locker, "ich liebe Babies" - um beim Anblick Hortenses beinahe in den Boden zu versinken. Unnachahmlich auch ihr Gesicht in dem Moment, als sie sich - nach anfaenglichem Leugnen - an den schwarzen Vater erinnert. Aber nicht nur das Luegen mit der Sprache, mit den Worten, wird entlarvt. Die sehr alltagsecht verkrampften Szenen der Gaeste in Maurices Fotoatelier zeigen die Menschen auf der Suche nach auesserem Schein.

Trotz gesellschaftskritischer Aspekte ist "Luegen und Geheimnisse" weniger Sozial- als Familiendrama. Die Familienbeziehungen stehen schon vor der Ankunft Hortenses im Vordergrund: der unterkuehlten Beziehung Cynthias zur apathischen Tochter ("kommt 'rein, knurrt und haut ab zur Arbeit") steht eine ueberzaertliche zum "kleinen Bruder" gegenueber, was wiederum dessen Ehefrau Monica (Phyllis Logan)stoert. Die angestauten Aversionen und Vorurteile gegeneinander fuehren zur erwarteten Explosion. Die anfaengliche Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung an Roxannes Geburtstagsparty in Maurice luxerioesem Anwesen wird durch Hortenses Erscheinen, bzw. Cynthias Outing jaeh zerstoert. Die allgemeine Fassungslosigkeit loest sich zunaechst in gegenseitige Anschuldigungen, doch das reinigende Gewitter muendet bald in das Gefuehl "Wir sitzen alle in einem Boot". Ein Outing kommt selten allein, und ein Gestaendnis bringt das andere hervor. Schliesslich bringt Maurice ein etwas gequaeltes "Willkommen in unserer Familie"hervor. Auch wenn in der Geburtstagsszene etwas dick aufgetragen wird (etwa mit Monikas Unfruchtbarkeit), Cynthia zu viel schluchzt und zu oft "Schaetzchen" sagt, so ist "Luegen und Geheimnisse" ein unter die Haut gehender Film. Im Gegensatz zu vielen filmischen Vorgaengern, die einen unvorhergesehenen Ablauf eines Festes beschreiben, endet das Drama nicht in der Katastrophe, sondern birgt es eine Aussicht auf Besserung: die gegenseitige Aussprache als Seelenreinigung der Akteure, die sicher auch im Publikum so etwas wie Katharsis bewirkt.






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