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Kritik: Kolya (1996)


Nicht gerade viel weiß der durchschnittliche Bundesbürger über unser kleines Nachbarland Tschechien. Auf Prag kommt vielleicht noch jeder, der Name des Friedensnobelpreisträgers Vaclav Havel drang wahrscheinlich
auch noch den meisten "Ge-Bildeten" ins Ohr, dann jedoch hört es aber meistens schon auf mit unseren Landeskenntnissen. Und mit Film bringtman die Nation, aus der Kafka kommt, in der die Moldau fließt, wohl am allerwenigsten in Verbindung. Allerhöchstens noch mit dem Kinderfilm, denn in besagtem Niemandsland wirkte Melonenmann Pan Tau und die drei Nüße für Aschenbrödel dürften auch noch in einer verschütteten, nostalgischen Ecke unseres Erinnerungsvermögens präsent sein.
Und aus Tschechien kommt der diesjährige Oscargewinner für den besten ausländischen Film, "Kolya", und er hat in jeglicher Hinsicht etwas mit meinen Brain-Storming-Auswürfen zu tun. Eine kleine, unspektakuläre, nicht einmal besonders orginelle Geschichte spielt in Prag im Jahr 1988. Wir erkennen die kafkaesken Gassen, aber nicht getaucht in dunkle Schatten, sondern bei Tageslicht, denn die Person, um die sich alles dreht, ist ein kleiner Junge. Und der liegt, wie es sich für kleine Jungen gehört, bei Nachtzeiten brav im Bett und schläft. "Kolya" ist ein Film, der am Tag spielt, ein heller Film, durch zaghafte Sonnenstrahlen erwärmt.
Der alternde Junggeselle Frantisek Louka verschafft einer jungen, hübschen Russin durch eine Scheinheirat die tschecheslowakische Staatsbürgerschaft, mit Hilfe derer sie sich schon wenige Tage nach der Hochzeit in den Westen absetzt. Doch so ganz folgenlos wird diese Akt der Menschlichkeit leider nicht bleiben, denn Frantisek hat das Kleingedruckte des Eheversprechens nicht gelesen. Die Russin ist fort, ihr Sohn Kolya ist da, steht plötzlich auf der Matte und wird das Leben des eigenbrödlerischen Lebemannes gehörig durcheinander bringen.
Tausendmal kopiert wurde diese Story schon. Tausendmal ist nichts passiert, doch "Kolya" ist das tausend und erste Mal, und es hat Zoom gemacht. Das Werk des tschechischen Nachwuchsregisseurs Jan Sverak ist ein genau beobachtetes, kleines Juwel, das es mit Witz und einem gehörigen Schuß Sentimentalität geschickt versteht, eine Geschichte zu erzählen, die jedem ein wenig ans Herz wachsen wird. Spätestens nach einer halben Stunde hat man die einnehmenden Figuren ohne Umschweife ins Herz geschlossen und wird sich auch später durch kleine Störfaktoren nicht mehr davon abringen lassen, die liebevollen Annäherungsversuche zwischen Frantisek und Kolya zu genießen. Auch wenn die politisch eingefärbten Passagen oft genug zu sehr um "political correctness" bemüht sind und aufgesetzt wirken, wird man in gerührter Atmosphäre den Kinosaal verlassen und sich an einen Film erinnern, der trotz internationaler Einheitsbreiästhetik und Symbolüberladung wirkt und funktioniert. Und das ist das beste, was man über einen Film sagen kann.





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