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Biutiful - Hauptplakat
Biutiful - Hauptplakat
© 20110 Prokino Filmverleih GmbH

Kritik: Biutiful (2009)


Mit dem erstaunlichen Film "Amores Perros" ist Alejandro González Iñarritu bekannt geworden, danach inszenierte er das beeindruckende Drama "21 Gramm" und den auf vier Kontinenten spielenden Episodenfilm "Babel". Stets geht es Iñarritu um das menschliche Schicksal, um die Lasten und die Bürden des Einzelnen sowie der ganzen Welt, von denen er in verschlungenen und verschachtelten Handlungssträngen erzählt.

In seinem neuen Film "Biutiful" schlägt er nun andere Töne an und erzählt konzentriert die Geschichte von Uxbal (Javier Bardem), einem kleinen Gangster aus Barcelona. Er lebt in dem multikulturellen Einwandererviertel El Raval, das mit der bekannten pittoresken Seite der katalonischen Stadt nichts gemein hat. Hierhin hat es die verschiedensten Nationalitäten verschlagen, die alle irgendwie über die Runden kommen wollen. Mit dieser Not verdient Uxbal sein Geld: Er besticht die Polizei, damit illegale afrikanische Einwanderer Waren verkaufen können, hilft bei der Vermittlung illegaler chinesischer Arbeiter und tritt in spirituelle Verbindung mit Verstorbenen – alles gegen Bezahlung, versteht sich. Doch Uxbal ist auch ein liebevoller Vater, der sich um seine zwei Kinder und seine manisch-depressive Ex-Frau Maramba (Maricel Álvarez) kümmert. Selbstlos ist er nicht, aber er übernimmt Verantwortung für die Menschen um sich herum. Dann wird er auf die elementarsten Fragen des Lebens zurückgeworfen: Er erfährt, dass er Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium hat und sterben wird. Ihm bleiben nur noch einige Monate, um seine Hinterlassenschaften zu ordnen und eine Erinnerung in der Welt zu hinterlassen.

In eindrucksvollen Bildern voller Poesie und Schönheit erzählt Iñarritu von Uxbals verzweifelten Bemühungen, sein Leben wenigstens moralisch in Ordnung zu bringen und seinen Kindern halbwegs ein Auskommen zu sichern. Mit seinem Kamermann Rodrigo Prieto fasst er in die intime Zärtlichkeit der Familie ebenso wie die Verlorenheit Uxbals in berührende Aufnahmen, er findet Bilder für wummernde Disco-Nächte und das Sterben. Die Themen sind dicht gedrängt, es geht um den Tod, um Schuld, um Moral, um Gewinner und Verlierer. Doch Iñarritu fügt alles zu einem atemberaubenden Film zusammen und hat sich von dem Pathos seiner früheren Filme entfernt. Einzig dass Uxbal auch mit den Toten kommunizieren kann, ist des Symbolischen ein wenig zu viel.

Getragen wird "Biutiful" von einem großartigen Darstellerensemble. Die argentinische Schauspielerin Maricel Álvarez, die mit "Biutiful" ihr Leinwanddebüt gibt, ist großartig als bipolare Marambara. Die Senegalesin Diaryatou Daff verleiht der senegalesischen Einwanderin Igé Stolz und Mütterlichkeit, sie vollzieht glaubwürdig den Wandel von einer Nebenfigur zu Uxbals letzter Hoffnung. Bis zuletzt bleibt offen, ob Igé auch ein hungriger Tiger ist, vor dem Uxbal von dem korrupten Polizisten gewarnt wurde – oder ob Uxbals Vertrauen in sie gerechtfertigt ist. Hier lässt der Film einen kleinen Interpretationsraum, über den der Zuschauer noch lange nachsinnen wird.

Im Mittelpunkt des Films steht aber zweifellos Javier Bardem, der für seine beeindruckende Leistung den Darstellerpreis in Cannes und eine Oscar-Nominierung erhalten hat. Sein langsames Sterben vollzieht sich schmerzhaft vor den Augen des Zuschauers, aber auch seine Schuld, seine Qualen werden spürbar. Dabei lässt insbesondere der letzte Teil des Films kaum mehr Platz zum Atmen. Uxbal ist in seiner Wohnung und wartet auf den Tod. Als er eintritt, schließt sich der Kreis für Uxbal– und für den Zuschauer.

Fazit: Leichte Themen hat Iñarritu noch nie behandelt, stets geht es bei ihm um das Ganze, um die Verlorenheit, die Globalisierung und den Tod. Doch mit "Biutiful" hat er eine Elegie des Sterbens geschaffen, die den Zuschauer auch lange nach Ende des Films nicht loslässt. Es ist ein stiller, ein nachdenklicher Film, den Iñarritu mit gewohnt großen Gesten und atemberaubenden Bildgestaltungen geschaffen hat.





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