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'Agora - Die Säulen des Himmels'
'Agora - Die Säulen des Himmels'
© TOBIS FilmTOBIS Film

Kritik: Agora - Die Säulen des Himmels (2009)


Gut gemeint und doch nicht völlig überzeugend: "Agora", eine der bisher teuersten spanischen Filmproduktionen, dürfte die Erwartungen von Alejandro Amenábars Fans enttäuschen. Zwar scheint sein Ehrgeiz und die humanistische Botschaft, die der Film transportieren soll, überall durch. Auch sind die Sets opulent und Rachel Weisz schön anzusehen. Aber: Für ein flammendes Historienepos ist der Film viel zu kühl und abgehoben geraten, während seine Heldin stilisiert und idealisiert erscheint. Schade, da es doch um selten erzählte Begebenheiten aus der Zeit der Christianisierung des antiken Europas geht.
Die Handlung spielt in Alexandria, Ende des 4. Jahrhunders. Dort unterrichtet die Philosophin Hypatia (Weisz) adelige Schüler in Astronomie – bis christliche Extremisten mit einer Mischung aus Manipulation und offener Gewalt die antike Kultur in die Knie zwingen und die Menschen auf den Weg ins "finstere" Mittelalter bringen. Weibliche Gelehrte sind dank einer entsprechenden Order von Apostel Paulus nicht mehr angesagt. Hypatia versucht, ihre Forschungen über die Umlaufbahnen von Erde und Sonne trotzdem weiter zu führen. Dies gelingt ihr zunächst dank ihrem ehemaligen Schüler Oreste (Oscar Isaac), der seit langem unglücklich in sie verliebt ist und es durch seine Bekehrung zum Christentum weit gebracht hat. Parallel schließt sich jedoch ihr ehemaliger Sklave Davus (Max Minghella, der Sohn vom verstorbenen Regisseur), ein heimlicher Christ – und Hypatia ebenfalls vergeblich verfallen – einer radikalen Gruppe an, die schließlich Jagd auf die "Heidin" macht.

Amenábar will eine ganze Menge erzählen – unter anderem den Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft, den Platz der Erde (und damit des Menschen) im Universum und natürlich vom Leben im vierten Jahrhundert. Die Denkweisen der Zeit reisst er allerdings nur in Bruchstücken an. Hypatia steht dann auch eher für ein Prinzip, anstatt für einen tatsächlichen historischen Charakter: Sie interessiert sich nicht für Männer oder überhaupt irgendjemanden auf dieser Welt – einzig allein die Planeten und ihr Weg durch die Galaxie haben es ihr angetan. Dieser eigentümlichen Distanz entspricht die Kamera, welche sich Alexandria immer wieder aus dem All nähert. Damit erinnert der Film entfernt an Brecht’sche Didaktik, speziell natürlich an dessen "Leben des Galilei".
Der spannende Höhepunkt des Films kommt ziemlich früh: Christliche Fanatiker stürmen als geiferndes Rudel die berühmte Bibliothek – quasi die erste Bücherverbrennung, noch vor dem Buch. Gut geraten ist auch die sich wenig später bildende religiöse Glaubensmiliz, welche stark – und sicher nicht zufällig – an die sogenannten "Religonswächter" im Iran erinnert. Der christliche Pöbel wettert zudem nicht nur gegen Gelehrte und römische Adelige – auch mörderischer Antisemitismus flammt erstmals auf.
Amenábar zeigt eindrucksvoll, wie Fanatismus Mainstream werden kann. Dabei setzt er dem Phänomen mit Hypathia allerdings nichts wirklich Überzeugendes entgegen – Wissenschaft ist nicht gleich Vernunft und an deren Mangel hapert die Rettung der antiken Wissensschätze und kulturellen Errungenschaften vor den religiösen Eiferern.
Sein Budget brachte Amenábar offensichtlich in der opulenten Ausstattung unter: Prächtige Tableaus und jede Menge Panoramen geben zwar zum Teil durchaus einen Eindruck von der Stadt in ihrer Zeit, ufern aber ebenso häufig ins Theatralische, Kulissenhafte aus, in der die attraktiven Hauptdarsteller oft verloren wirken. Man fragt sich, ob der Film nicht mit bescheiderenen Mitteln und größerem Augenmerk auf die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander das Epos hätte werden können, das er gerne wäre.

"Agoras" Thema ist heute zweifellos so wichtig, wie seinerzeit und zwar nicht vorwiegend auf islamistische Fundamentalisten beschränkt, wie einige Szenen es vielleicht nahelegen. Man muss sich beispielsweise nur kurz daran erinnern, dass auch anno 2010 in vielen Schulen der amerikanischen Südstaaten Evolution nur ansatzweise und ausdrücklich als fragwürdige Alternative zur biblischen Schöpfungsgeschichte unterrichtet werden darf, dank den sogenannten Kreationisten, welche entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse konsequent und mit hartnäckiger politischer Propaganda darauf beharren, dass die Erde in etwa 6000 Jahren so geschaffen wurde, wie es im alten Testament steht. Aber immerhin hat die katholische Kirche sich inzwischen mit dem heliozentrischen Weltbild abgefunden – schon 1992 wurde Galileo Galilei von ihr formal rehabilitiert…
Agora ist ein Film mit wichtigem Anliegen, bemühten Darstellern, sowie einigen schönen und spannenden Momenten. Er leidet jedoch an einer gewissen emotionalen Unterkühlung – die zentrale Figur hegt ein brennendes Interesse an dem Verhältnis der Erde zur Sonne und wer wie wen umkreist, aber an sonst kaum etwas. Ihr bitteres Ende vermag daher auch nur angesichts der barbarischen Umstände und nicht so sehr um ihrer selbst Willen zu berühren.





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