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Der schmale Grat
Der schmale Grat
© 20th Century Fox

Kritik: Der schmale Grat (1998)


Was ist das für ein Film, der einem einzelnen Grashalm so viel Bedeutung beimißt wie einer Kompanie Soldaten, die um ihr Leben und den Verlust ihrer Seele fürchten? In seinem Weltkriegsepos "Der schmale Grat" geht es Terrence Malick, der seit zwanzig Jahren keinen Film mehr gedreht hat, nicht um Schlachtpläne und Kriegsgeschichte, Patriotismus oder Vergangenheitsbewältigung: Seine Interpretation von James Jones' 1962 erschienenem Roman "The Thin Red Line" ist nicht nur ein überwältigendes Statement über die Sinnlosigkeit des Krieges, sondern auch ein bahnbrechendes Filmkunstwerk: eine bildgewaltige Reflektion über das Wesen der Natur und die Existenz von Gott.

Für dieses Ziel verzichtete der Filmemacher auf eine konventionelle Handlung und den üblichen Aufmarsch von Kinohelden. Statt dessen verbinden sich die nur schemenhaft skizzierten Charaktere zu einem kollektiven Protagonisten im Kreislauf zwischen Schöpfung und Zerstörung, Paradies und Hölle, Leben und Tod. Mit wunderschönen Bildern beschreibt Kameramann John Toll eine Natur, die sich – schließlich ist der Mensch ein Teil von ihr – mit sich selbst im Krieg befindet: Inmitten der erhabenen Schönheit des Inselparadieses tobt eine gnadenlose Schlacht, die sensiblen Kinobesuchern einen Schlag in die Magengrube versetzen wird – und das nicht nur aufgrund nervenzerfetzender Kampfsequenzen, herausquellender Gedärme und anderer blutiger Spezialeffekte, von denen "Der schmale Grat" eine Vielzahl zu bieten hat, sondern auch wegen des Kampfes, der im Innern der Soldaten tobt. Im Gegensatz zu Steven Spielberg verzichtet Malick dabei auf eine moralische Beurteilung seiner Figuren und durchbricht die Konventionen des etablierten "Starkinos" mit irritierenden Kurzauftritten weltbekannter Schauspieler wie George Clooney oder John Travolta.

Um die Metaphorik seiner Naturbetrachtung in die Handlung um den kollektiven Protagonisten "Charlie-Kompanie" einzubinden, greift der Regisseur auf die Ästhetik und Syntax der Stummfilmzeit zurück, indem etwa die Kampfsequenzen mit Zwischenschnitten statischer Naturaufnahmen aufgebrochen werden: ein verwundeter Vogel, ein durchlöchertes Blatt, wehendes Gras auf einem Hügel. Als strukturelles Äquivalent zu den Texttafeln des Stummfilms verwendet Malick einen über weite Strecken des Films liegenden, von den einzelnen Figuren gesprochenen inneren Monolog. Die daraus resultierende Loslösung der äußeren Filmhandlung von Musik, Geräuschen und Dialogen befreit die Bilder von der Tyrannei des Soundtracks und erlaubt ihnen, sich in ihrer ganzen Brillanz zu entfalten.

So dient das gesprochene Wort hier weniger der (ohnehin nur rudimentären) Exposition von Charakteren und Schauplätzen, sondern konzentriert sich auf eine poetisch-philosophische Debatte über den "Krieg im Herzen der Natur" und das Verhältnis zwischen materieller Welt und Metaphysik. Zwar führen die Dialoge der Außenhandlung und der innere Monolog manchmal ineinander über, im Ergebnis aber erzeugt das gesprochene Wort einen separaten, außerhalb von Raum und Zeit der Handlung liegenden Bereich der Reflektion und existentiellen Selbstbefragung.

Nur auf den ersten Blick erzählt der Film also eine konkrete Episode aus dem Zweiten Weltkrieg – Malick reproduziert weder das Lebensgefühl der 40er Jahre, noch suhlt er sich in geschichtlichen Details. Vielmehr entfaltet sich "Der schmale Grat" zu einer cineastischen Meditation über den Krieg und die Natur an sich – eine in Malicks Heimat oft kritisierte Verallgemeinerung zu Lasten eines spezifischen Plots, sieht man den Zweite Weltkrieg in den Vereinigten Staaten doch gern als heilige Kuh, die es vor einer Gleichsetzung mit Vietnam und anderen militärischen Eskapaden der vergangenen Jahre zu schützen gilt.

Ob und wie weit man sich auf die faszinierende Visualität und die verbale Philosophie dieses Films einlassen kann und will, liegt im Ermessen des Betrachters. In jedem Fall ist "Der schmale Grat" ein packendes, von unvergeßlichen Bildern und brillanten Darstellern dominiertes Kinoerlebnis voller Schrecken und Wunder: ein Film, der seinesgleichen sucht.

Wer dieses Meisterwerk mit Spielbergs "Soldat James Ryan" vergleichen möchte, findet – abgesehen von erschütternden Kampfsequenzen, der optischen Brillanz und einer Spieldauer von jeweils knapp drei Stunden – kaum Gemeinsamkeiten. Wenn man so will, verhält sich "Ryan" zu "Der schmale Grat" wie Prosa zu Poesie, Flaggenschwenken zu Reflektion, Entertainment zu Kunst. Am Ende aber handelt es sich, bezogen auf die Filmemacher Spielberg und Malick, einfach nur um den Unterschied zwischen Talent und Genie.




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