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Hollywood Insider vom 4.12.2006 Nr.2

Video, TV, Musik: alles digital. Nur in den deutschen Filmtheatern flimmert nach wie vor der analoge 35mm-Film. Das sollte eigentlich längst anders sein, doch Studios, Kinos und Verleiher haben den globalen Trend zum digitalen Bild verschleppt, und im Gegensatz zu Nordamerika gibt es in Deutschland für den digitalen "Roll-Out" noch kein brauchbares Geschäftsmodell.

Im Prinzip kennt digitales Kino nur Gewinner: Die großen Hollywoodstudios erkennen im Wegfall teurer 35mm-Filmkopien ein Einsparungspotenzial von 500-600 Mio. Dollar pro Jahr. Gleichzeitig ermöglicht die digitale Distribution den Kinos die Gestaltung eines flexiblen, zielgruppenspezifischen Programms. Die digitale Projektion sorgt außerdem für störungsfreie Bilder (auf Wunsch auch in 3D), erlaubt Live-Übertragungen und bietet nicht zuletzt die Möglichkeit, mit selektiver Kinowerbung - je nach Tageszeit und Filmthematik - unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen.

Trotzdem steht "D-Cinema" hierzulande immer noch am Anfang. Denn in den Kinos selbst ist der Spareffekt vergleichsweise gering, die Umrüstung jedoch sehr teuer. Ein mit dem Hollywoodstandard DCI konformer digitaler Vorführraum kostet gut 100.000 EUR (bzw. etwa 1000 EUR monatliches Leasing), und weil ein gutes Drittel der mehr als 4800 in Deutschland betriebenen Kinosäle weniger als 75.000 EUR Jahresumsatz erwirtschaften, schrecken viele der 1200 deutschen Kinounternehmen vor dieser Investition zurück. Doch nur ein flächendeckender "Roll-Out" kann die gewünschten Spareffekte bringen, also ist eine Quersubventionierung durch die Filmverleiher nötig. Im Prinzip ist man sich darüber einig, die Kinos aber wollen Herr im eigenen Hause bleiben und verhindern, dass Hollywood ihnen erst das teure Equipment überlässt - und später das Programm diktiert.

Die deutsche Filmförderungsanstalt (FFA) bot sich mittlerweile als Vermittlungsstelle an, um einen herstellerunabhängigen, standardisierten, offenen und flächendeckenden Roll-Out zu gewährleisten. Sie beauftragte eine Unternehmensberatung mit der Ausarbeitung eines auf die hiesigen Verhältnisse zugeschnittenen Business-Modells, das den Geldfluss zwischen Kinos, Werbung, US-Majors und deutschen Verleihern regeln und gleichzeitig den Kulturauftrag der Filmtheater sichern soll. Eile ist geboten: Denn Kino ist das letzte analoge Bildermedium und läuft Gefahr, den Anschluss an HDTV und DVB, Video-On-Demand, DVD, Internet-TV, iTunes und Handy-Fernsehen zu verlieren.

Wolfram Weber wollte denn auch nicht mehr warten. Der Betreiber es Nürnberger Kinokomplexes Cinecittà installierte in neun von zwanzig Sälen DCI-konforme digitale Kinoprojektoren - auf eigene Rechnung und ohne Subventionen durch die Filmverleiher. Sein Publikum, so Weber, sei eben ganz besonders qualitätsbewusst und zahle gerne einen "Digitalzuschlag" von 50 Cents pro Vorstellung, wodurch sich die Investition am Ende rechne.

Rico Pfirstinger/RICOPRESS



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