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TV-Tipp für Montag (13.6.): Quentin Tarantino lässt die wilden Hunde von der Leine

Arte zeigt Meisterwerk "Reservoir Dogs"

"Reservoir Dogs", Arte, 23:10 Uhr
Nach einem missglückten Raubüberfall belauern sich die überlebenden Mitglieder einer Gangsterbande gegenseitig, weil einer von ihnen ein Polizeispitzel sein muss.

Mit diesem US-Kriminalfilm begann 1992 eine außerordentliche Karriere mit einem außerordentlichen Film. Nicht vielen Regisseuren ist es vergönnt, gleich mit einem Meisterwerk einzusteigen, das auch von vielen als solches anerkannt wird, und dann das Niveau mehr oder minder die nächsten 20 Jahre zu halten - Quentin Tarantino ist es gelungen.

Der damals 28-jährige Kino-Enthusiast arbeitete in einem Videoverleih in Manhattan Beach im US-Bundesstaat California und hatte den Ehrgeiz, selbst Filme zu drehen. Mit seinen Freunden wollte er für 30 000 Dollar einen Schwarzweiß-Streifen auf 16 Milimeter drehen. Einer der Freunde war Produzent Lawrence Bender, und über Umwegen landete das Drehbuch auch bei Harvey Keitel. Dem Darsteller gefiel das Skript so gut, dass er mitmachen wollte, und mit seiner Unterschrift und Involvierung als Co-Produzent wurde das Projekt "Reservoir Dogs" sofort auf eine neue Stufe gehoben. Das Budget konnte auf 1,5 Millionen Dollar angehoben und weitere Stars wie Michael Madsen, Chris Penn, Tim Roth und Steve Buscemi gewonnen werden.

Kein Wunder, dass die Schauspieler angetan waren, denn Tarantino's Drehbuch ist sehr dialoglastig und gibt jedem einzelnen Akteur eine Menge, in das sie sich sozusagen verbeißen können. Darunter sind auch schon Tarantino-typische Szenen mit Dialogen über popkulturelle Themen wie der Diskussion der Gangster über den Madonna-Song "Like a Virgin".

Dabei zeigt Quentin bereits erzählerisch-inszenatorischen Ehrgeiz und Könnerschaft, indem er die Handlung nicht chronologisch, sondern mit Rückblenden verschachtelt darbietet - intelligent, kraftvoll, eindrucksvoll, stillvoll und unterstützt durch das brillante Schauspieler-Ensemble. Gedreht wurde zum Großteil in einer Leichenhalle in Los Angeles.

"Reservoir Dogs" feierte seine Premiere auf dem Sundance Film Festival im Januar 1992 und schlug dort hohe Wellen. Andere Festivals luden die kleine Independent-Produktion daraufhin unter anderen nach Cannes, Sitges und Toronto ein. Die Weinstein-Brüder wurden auf das Werk aufmerksam und sicherten sich die Verleihrechte für Miramax Films - der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit der Produzenten mit dem Regisseur, die bis einschließlich "The Hateful 8" im Jahr 2015 andauern sollte und dann von Tarantino beendet wurde, nachdem durch #MeToo das Ausmaß der sexuellen Gewalttätigkeiten durch Harvey Weinstein öffentlich geworden war.

Bei seinem Kinoeinsatz machte "Reservoir Dogs" trotz sehr guter Kritiken noch keinen großen Eindruck und spielte weltweit gerade mal rund 3 Millionen Dollar ein. In der Preisverleihungssaison wurde er mehr oder minder ignoniert. Nach dem großen Erfolg von Tarantino's nächstem Streifen "Pulp Fiction" zwei Jahre später wollten dann viele Zuschauer sein Debut entdecken. Teilweise war dies schwierig, denn zum Beispiel in Großbritannien erschien der Film erst 1995 auf Video, weil die Zensurbehörde sich aufgrund der Gewaltdarstellungen zunächst geweigert hatte, ihn freizugeben.

Ein Zuschauer schwärmt: "Vom ersten Moment an intensiv und spannend, findet man sich gleich auf der Rückbank eines Autos mit einem blutenden Mann, der von einem anderen Kriminellen in ein Versteck gefahren wird. Ein ausgeklügelter Raubüberfall ist gerade schief gegangen, und jemand ist schuld. Aber wer ist der Verräter? Was diesen Film zuvorderst auszeichnet, ist, wie realistisch er wirkt. Es gibt kein Geplänkel, keine falschen Romanzen oder übergroße Persönlichkeiten. Der Streifen ist so roh, wie einer nur sein kann. Dazu gibt es viel Blut, manchmal schwer zu verkraften, aber auch Teil des Realismus. Der Filmemacher will sein Publikum die Geschichte miterleben lassen, sie in den Raum mit diesen rasenden, blutbeschmierten und verletzten Kriminellen holen, die versuchen, aus der Lage einen Sinn zu machen. Anders als bei manchen Werken, bei dem man aus der Distanz ein Leben betrachtet, fühlt man sich hier als Teil des unerfindlichen Chaos. Die Schauspieler sind so großartig, dass es nicht wie Schauspiel, sondern wie das wahre Leben wirkt. Ein wirklich einmaliger und fesselnder Film, wenn auch nichts für Zartbesaitete."



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