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St. Vincent
St. Vincent
© Sony Pictures © Splendid Film © polyband

Kritik: St. Vincent (2014)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Buddy-Komödie über die Freundschaft eines Jungen mit einem alternden Misanthropen ist das Kino-Regiedebüt des Amerikaners Ted Melfi. Der von leiser Melancholie durchzogene Film versucht, zwei auseinanderstrebende inhaltliche Richtungen zusammenzubiegen. Zum einen ist da nämlich die sehr konventionelle, auf Harmonie bedachte Buddy-Geschichte. Zum anderen aber geht es um einen Mann, der im Geiste immer noch in den 1970er Jahren, der Zeit seiner Blüte, steckt. Aus seinen Kopfhörern erklingt die Musik von damals und für die Zumutungen der Gegenwart hat er nur Verachtung übrig. Der Vietnam-Veteran Vincent, der sich seine Zukunft wohl anders erträumte, als sie heute aussieht, ist eine Paraderolle für den Schauspieler Bill Murray. Auch er wird langsam alt, ist aber auch noch jung genug, um zu seinen Lieblingssongs aus der Jukebox geschmeidig die Hüften zu schwingen.
Der altkluge Oliver, der in der neuen Schule gemobbt wird, muss nach Ansicht von Vincent lernen, mit Kraft zuzuschlagen. Diese an sich pädagogisch unkorrekte Erziehung genießt ja immer noch augenzwinkernde Zustimmung in vielen US-Filmen. Sich an die Regeln zu halten, ist schon auch wichtig, aber nicht gleich von Anfang an, lautet die wenig überraschende Maxime dieser Geschichte. Der Newcomer Jaeden Lieberher spielt den Jungen eher angenehm zurückhaltend, als rührend. Olivers Mutter gibt Melissa McCarthy, sonst auf schrille Rollen wie in "Brautalarm" abonniert, die Gelegenheit, eine positive Person zu spielen. Als Alleinerziehende, die sich abstrampelt und sich dennoch – selbst von Vincent - anhören muss, ihren Sohn vernachlässigt zu haben, wirkt Maggie wie eine stark in der grauen Realität verhaftete Figur. Und als solche ist ihr auch eine gutmütige Schlagfertigkeit nicht fremd. Naomi Watts überrascht in der Rolle einer ungehobelten Stripperin mit russischem Akzent, die bei Vincent ein- und ausgeht.

Trotzdem gehört der Film im Grunde einzig und allein Bill Murray. Als einsamer Whiskytrinker, der seine Trauer über das Altwerden und das permanente Scheitern am Leben hinter einer rotzigen Gleichgültigkeit verbirgt, scheint Murray hier auch einen persönlichen Kommentar über das Verrinnen der Zeit abzugeben. Die Gegenwart weiß ihre Schönheit gründlich zu tarnen, aber man muss sich mit ihr arrangieren, damit einem wieder warm ums Herz wird. "Come in, she said, I'll give you shelter from the storm", singt Vincent, mit Kopfhörern auf den Ohren, das Lied von Bob Dylan mit, wieder und wieder – ein besonders langer und ambivalenter, die Verträglichkeit der Gesamtlage ertastender Abspann. Herrlich, diese Musikstücke, die niemals alt werden und Vincents Kampf gegen die emotionale Erosion befeuern!

Fazit: Altwerden ist, wenn die Lieder, die man singt, zu jung sind für die Welt, in der man morgens erwacht: Die melancholische Komödie über die Freundschaft eines Vietnam-Veteranen mit einem kleinen Jungen bietet dem großartigen Bill Murray eine Paraderolle.





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