VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Das Tagebuch der Anne Frank
Das Tagebuch der Anne Frank
© Universal Pictures International Germany

Kritik: Das Tagebuch der Anne Frank (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Das Tagebuch der Anne Frank" wurde bereits sechsmal verfilmt, davon zweimal in der damaligen DDR, aber kein einziges Mal in der Bundesrepublik. Seit der letzten Verfilmung als britische TV-Miniserie im Jahre 1987 sind fast 30 Jahre vergangen. Der jetzige Film von Hans Steinbichler ("Winterreise") ist der erste, der auf einer vor wenigen Jahren überarbeiteten Tagebuchfassung basiert, die heute die einzige vom Anne Frank Fonds autorisierte Version ist. Sie ist bereits die vierte Fassung des berühmten Tagebuchs.

Schon Anne Frank selbst hatte zwei verschiedene Fassungen ihres Tagebuchs erstellt. Die erste war ein Tagebuch im eigentlichen Sinne, das nur an sie selbst gerichtet war. Dieses überarbeitete sie später, als ein Aufruf von der niederländischen Exilregierung ausging, dass sämtliche privaten Aufzeichnungen über die Besatzungszeit zwecks einer spätere Veröffentlichung aufgehoben werden sollten. Ab nun betrachtete Anne ihr Tagebuch als Rohmaterial für einen autobiografischen Roman und schrieb den bereits fertigen Text in Hinblick auf eine mögliche Veröffentlichung um. Dabei strich sie zahlreiche Passagen, die der Heranwachsenden mittlerweile zu kindlich schienen. Jene fügte ihr Vater Otto Frank nach dem Krieg erneut in den zweiten Text ein und erstellte auf diese Weise die bis vor kurzem gültige offizielle integrale dritte Version. Allerdings fehlen in dieser Fassung wiederum die Stellen, in denen Anne sich sehr direkt mit ihrer erwachenden Sexualität auseinandersetzt, da diese dem Vater als zu privat und für die 1950er Jahre als zu brisant erschienen. Diese von Otto gestrichenen Stellen wurden jetzt wieder in die neue offizielle "Version D" von Anne Franks Tagebuch eingefügt. Die Tatsache, dass der jetzt ins Kino gebrachte neue Anne-Frank-Film auf dieser sehr authentischen Tagebuchfassung basiert, erklärt, wieso dieser Film anders als die alten ist.

Die von der niederländischen Newcomerin Lea van Acken brillant verkörperte Anne ist in dem Film von Hans Steinbichler keine mythengleiche Göttergestalt, sondern ein normales, kluges, pubertierendes Mädchen in einer alles anderen als normalen Situation. Neben den großen Dingen ihrer aus den Fugen geratenen Welt beschäftigen Anne deshalb auch Sachen, wie das Wachstum ihrer Brüste und die Beschaffenheit ihrer Vagina und ihr erstes sexuelles Erlebnis mit dem ebenfalls im Hinterhaus lebenden Peter van Daan (Leonard Carow). Annes ältere Schwester Margot (Stella Kunkat) gibt sich abgeklärter. Aber auch sie leidet darunter, dass es im Versteck keine richtigen Damenbinden gibt, und alle Hinterhausbewohner leiden darunter, dass sie aus Sicherheitsgründen tagsüber nicht die Toilette benützten dürfen. Ebenso wenig dürfen sie sich an den Fenstern der Wohnung zeigen. Jene sind zudem konstant geschlossen zu halten. Bei acht auf engsten Raum zusammenlebenden Personen, von denen einige auch noch rauchen, kann man sich unschwer vorstellen, wie schneidend die Luft in der Wohnung gewesen sein muss...

Hinzu kamen die menschlichen Konflikte. So verstand sich Anne weder mit der permanent plappernden und sie ermahnenden Petronella van Daan (Margarita Broich), noch mit Albert Dussel (Arthur Klemt), mit dem sie das Zimmer teilen musste. Das Schlafzimmer der Van Daans befand sich wiederum in der Küche der Wohnung und diente tagsüber allen Bewohnern als Wohnzimmer, was sicherlich Petronellas Hysterie weiter befeuert hat. So sieht man in Steinbichlers "Das Tagebuch der Anne Frank", dass die Ausnahmesituation im Hinterhaus nicht nur in der permanenten Angst vor den Bomben der Alliierten und vor einer möglichen Entdeckung durch die Nazis lag, sondern in den extremen Umständen des (Zusammen-)Lebens im Hinterhaus an sich. Dabei trägt die bis in den letzte kleine Seifenschale auf dem Klo hinein authentische Ausstattung der in einem Kölner Studio nachgebauten Wohnung entscheidend zum starken Realismus des Gezeigten bei.

Aber erst das sehr starke Ensemble erweckt das Hinterhaus zum Leben. Allen voran glänzt Lea van Acken in der Rolle von Anne Frank. Aber auch Ulrich Noethen als Anne Vater Otto und Martina Gedeck als Annes Mutter gehen komplett in ihren Rollen auf. Gedeck überzeugte zuvor bereits in Filmen wie "Das Leben der Anderen" (2006) und "Die Wand" (2012) in ähnlichen Situationen einer radikalen Beschneidung der persönlichen Freiheit, während Noethen in "Der Untergang" (2004) in der Rolle von Himmler noch auf der Seite der Widersacher der Familie Franz stand.

Seit Wolfgang Petersens Überklassiker "Das Boot" (1981) stehen deutsche Filmemacher bis nach Hollywood in dem Ruf Experten für beklemmende Kammerspiele mit für US-Verhältnisse lächerlichen Budgets zu sein. Auch Hans Steinbichlers Dokudrama "Das Tagebuch der Anne Frank" reiht sich in diese Tradition ein und beweist, dass an diesem Ruf mehr als ein Fünkchen an Wahrheit zu stecken scheint.

Fazit: Hans Steinbichlers klaustrophobisches Dokudrama "Das Tagebuch der Anne Frank zeigt auf beeindruckende Weise, was es bedeutet, wenn eine Zwangsgemeinschaft aus acht Personen über zwei Jahre bei einer gleichzeitigen extremen äußeren Bedrohung auf engsten Raum zusammenleben muss.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.