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Kritik: Lion - Der lange Weg nach Hause (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Lion" beruht auf der wahren Geschichte von Saroo Brierley. Der Film orientierte sich dabei vor allem an dessen Biografie "A long way home". Inszeniert wurde das Werk vom weitgehend unbekannten Regisseur Garth Davis, der bisher vor allem für Werbevideos verantwortlich zeichnete. "Lion" geht als Geheimfavorit in die kommende Oscar-Verleihung, bei der er sechs Preise gewinnen kann, u.a. für den besten Film. Die Dreharbeiten fanden ab April 2015 für rund zwei Monate in Kalkutta sowie Australien (u.a. Melbourne) statt. "Lion" ist mit Nicole Kidman, Rooney Mara und Dev Patel hochkarätig besetzt. Der Brite Patel wurde einem internationalen Publikum durch seine Hauptrolle in dem Drama "Slumdog Millionär" (2008) bekannt.

Vor allem die bestechenden Darsteller-Leistungen und die – teils heftige Beklemmung hervorrufende – Bildsprache, machen "Lion" zu einem außergewöhnlichen Drama epischen Ausmaßes. In der ersten Hälfte steht der Überlebenskampf des jungen Saroo im Mittelpunkt. Auf den Straßen Kalkuttas kämpft er ums Überleben, bettelt und schläft unter den Brücken der Stadt. Erstaunlich ist, wie vielschichtig (vor allem hinsichtlich Gestik und Mimik) und mitreißend, der junge Darsteller Sunny Pawar den fünfjährigen Heimatlosen verkörpert. Die Angst und Panik des Jungen drückt sich in intensiven, bedrohlichen Einstellungen und Bildern aus, die Kameramann Greg Fraser ("Rogue One – A Star Wars Story") kongenial einfängt.

So manifestieren sich das Gefühl der Unsicher- und Verlorenheit vor allem in Nahaufnahmen von Saroos Gesicht. Dessen Blick giert – Hilfe suchend – regelrecht nach Unterstützung und Aufmerksamkeit für seine verzweifelte Situation. Erschütternd ist, mit welchem Desinteresse ihm auf den Straßen begegnet wird. In einer besonders durchdringenden Szene steht er, erschöpft vor Hunger und Trauer, vor einem Restaurant und beobachtet einen Mann, der im Inneren isst. Wie Saroo mit tieftraurigem Blick die "Essens"-Bewegungen des Mannes draußen von der Straße aus nachahmt, gehört zu den eindringlichsten Momenten im Film – und vielleicht schon jetzt mit zu den intensivsten Szenen des gesamten Kinojahres.

In der zweiten Hälfte steht die Suche des erwachsenen Saroo nach seiner Familie im Zentrum. Im Gegensatz zu der Enge des Zuges sowie dem Schmutz und der Hektik der Millionenstadt Kalkutta, strahlen von nun an erhabene Bilder der beeindruckenden, weiten australischen Landschaften von der Leinwand herab. Damit schafft "Lion" auch optisch einen gelungenen Kontrast: die ersten 45 Minuten bzw. die ersten Monate von Saroo auf der Straße, unterscheiden sich natürlich nicht nur visuell sondern auch in dessen Lebensumständen, drastisch zum nun Folgenden. An die Stelle des Überlebenskampfs, tritt für den Jungen ab dem Zeitpunkt der Adoption etwas anderes. Nämlich ein – rein materiell – sorgenfreies Leben unter dem Dach einer sich liebevoll um ihn kümmernden "neuen" Familie (hingebungsvoll und leidenschaftlich): Nicole Kidman. Dennoch kann er seine Heimat nicht vergessen und begibt sich von nun an auf die Suche nach seiner Familie in Indien – dank neuartiger technischer Möglichkeiten mit Hilfe von Google Earth.

An dieser Stelle muss noch verdeutlicht werden: "Lion" ist mit Nichten ein Werbefilm für den virtuellen Globus des Internet-Giganten. Die Suche von Saroo über das Programm, fand in der Realität tatsächlich so statt und ist hier nicht nur Mittel zum Zweck bzw. einträgliche Schleichwerbung. Auch wenn der Film mit Sicherheit zur weiteren Verbreitung der Software beitragen wird. Sei’s drum. Dafür entschädigen u.a. auch die letzten Momente im Kino: am Ende sieht man nämlich den realen Saroo im Kreise seiner "echten" und "vorrübergehenden", australischen Familie.

Fazit: "Lion" ist ein herausragend gespieltes, in epische und teils enorm beklemmende Bilder verpacktes Drama von enormer emotionaler Wucht. In nur ganz wenigen Momenten ein wenig kitschig oder rührselig, verfügt der Film über einige der berührendsten Szenen des Kinojahres 2017.





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