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Gleißendes Glück
Gleißendes Glück
© Central Film © Wild Bunch

Kritik: Gleißendes Glück (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Den Roman "Gleißendes Glück" der britischen Schriftstellerin A. L. Kennedy zu verfilmen, erscheint nicht gerade naheliegend. Denn die Geschichte einer Frau, die sich auf masochistische Weise schuldig fühlt, weil sie ihren Glauben verliert und unglücklich verheiratet ist, klingt sehr eigenwillig und auf antiquierte Weise schwer und düster. Der deutsche Regisseur Sven Taddicken ("Emmas Glück") verwandelt die Geschichte in einen Film, der auf ebenfalls beinahe altmodische Weise den Schauspielern gehört, allen voran der großartigen Martina Gedeck.

Helenes Mentalität ist nicht gerade leicht zu verstehen, mit ihrer strengen, religiösen Demut. Vor allem aber führt sie zu Entscheidungen, die selbstzerstörerisch und daher nur schwer nachvollziehbar sind. Helene ist es gewöhnt, sich von Gott leiten zu lassen, der in ihrer Ehe leider von Herrn Brindel abgelöst wurde. Auch ihm unterwirft sie sich, weil sich in ihrem Denken die Maßstäbe auf prekäre Weise verschoben haben. Als ihr neuer Bekannter, Professor Eduard Gluck, ihr seine Masturbationsfantasien beichtet, in denen er Frauen erniedrigt, fragt man sich alarmiert, warum Helene immer an den Falschen geraten muss.

Aber vielleicht ist Eduard ja gar nicht der Falsche. Auch er entpuppt sich als einsame Seele, die sich nach Liebe sehnt und ihr Problem aus eigener Kraft nicht lösen kann. Die kreisende, langsam wachsende Nähe verheißt Helene und Eduard ein Erleben, von dem sie bisher kaum zu träumen wagten. So viel positives Potenzial liegt in diesen beiden Charakteren brach, wie besonders Martina Gedecks Darstellung bewegend offenbart. Es wirkt fast, als gäben ihr Mienenspiel, ihre Offenheit und der Mut zur tastenden Empfindsamkeit der Figur aus dem Roman erst eine plausible Gestalt.

Die Inszenierung mag relativ enge Räume. Die leblose Ordnung in Helenes Zuhause spiegelt die dort herrschende Bedrückung. So unterstützt die Ausstattung Eduards These von der rückwirkenden Kraft dessen, was man sich erschafft. Mit ihren gedeckten Farben wirkt Helenes Kleidung zunächst unscheinbar, später aber, als sich die Wahrnehmung des Betrachters an die Absenz schriller Aufdringlichkeit gewöhnt, auf dezente Weise elegant. Die Kamera sucht in den Gesichtern der Charaktere nach Nuancen, einem Lächeln, einem Flackern im Blick, weil sie mehr Antworten geben als die Wortwechsel selbst. Obwohl der Film nahe am Roman bleibt, besticht er durch eine eigene Qualität im Umgang mit der Langsamkeit, die Spannung erzeugt. Schön inszeniert und hervorragend gespielt, regt diese Geschichte von verstörender Wucht zum kontroversen Diskutieren an.

Fazit: Sven Taddicken verfilmt den aufwühlenden, verstörenden Roman von A. L. Kennedy stilvoll zu einem beinahe altmodischen Drama. Als dessen Motor fungiert eine zarte, langsam kreisende Liebesgeschichte, in der Martina Gedeck einmal mehr eine schauspielerische Klasse entwickelt, die schon für sich allein dem Versprechen des Filmtitels weit entgegenkommt.





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