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Kritik: The Salesman (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Regisseur und Drehbuchautor Asghar Farhadi hat es der männlichen Hauptfigur seines Films "Le passé – Das Vergangene" (2013) gleichgetan und ist nach einer kurzen Episode in Frankreich heimgekehrt. Zurück in Teheran macht Farhadi auch in "The Salesman" das, was er am besten kann: Er verhandelt eine Paarbeziehung auf der großen Leinwand, die durch ein traumatisches Ereignis in die Krise gerät und die Figuren vor ein moralisches Dilemma stellt. Farhadis Dramen sind stets auch Krimi, da sie in einer Gesellschaft spielen, deren Mitglieder nicht alles offen aussprechen, (ver-)schweigen, um ihren guten Ruf zu wahren und so noch tiefer in die Krise rutschen. Farhadi setzt dabei auf seine alten Stärken: eine verschachtelte Handlung, die nur Stück für Stück die ganze Wahrheit enthüllt, und ein herausragendes Ensemble.

In den Hauptrollen sind Shahab Hosseini und Taraneh Alidoosti zu sehen, die bereits mehrmals für den Regisseur, in "Alles über Elly" (2009) auch gemeinsam vor der Kamera standen. Als verzweifelter Ehemann Emad, der auf der Suche nach dem Schuldigen selbst schuldig wird, zeigt Hosseini seine bislang beste Leistung unter Farhadi. Emad ist eine für Farhadis Kino typische Figur: ein introvertierter, aber innerlich zerrissener Charakter; einer, der alles richtig machen will und dabei alles falsch macht. Bei den Filmfestspielen in Cannes erhielt Hosseini dafür den Preis als bester männlicher Darsteller.

Bei aller Aufmerksamkeit, die Shahab Hosseini als Motor der Handlung auf sich zieht, sollte man Taraneh Alidoosti nicht übersehen. Wie keine andere in Farhadis Stammensemble beeindruckt Alidoosti durch ihre Wandlungsfähigkeit. Von der schüchtern-naiven Haushaltshilfe in "Feuerzauber" (2006), die die Ehe anderer neugierig beäugt, bis zur nach außen lebenslustigen, im Innern zu Tode betrübten Titelfigur in "Alles über Elly" kann Alidoosti alles spielen. Meist tut sie dies mit einer angenehmen Zurückhaltung. Wie sie als traumatisiertes Opfer ganz leise ihre moralische Integrität wahrt, anstatt wie ihr Mann lautstark zum Täter zu werden, ist ein starkes Stück Kino.

Wer Farhadis Filme kennt, wird wenig Neues in "The Salesman" entdecken. Das Altbekannte variiert der iranische Regisseur jedoch mit einer Virtuosität, die auch sein jüngstes Werk zu einem meisterhaften macht. Die Bilder sahen in der Vergangenheit zwar schon einmal schöner aus, Farhadis Umgang mit den technischen Mitteln ist dennoch reifer. Seine Kamera schwebt noch häufiger. Sein Bildaufbau ist fein durchkomponiert. Auch mit Vorausdeutungen und Dopplungen arbeitete Farhadi bereits zuvor, in "The Salesman" kommt er bei ihrer Verwendung der Perfektion ein weiteres Stück näher. Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden", in dem Emad und Rana spielen, spiegelt nicht nur ihre eigene Beziehung, ihre Beziehung beeinflusst auch das Spiel auf der Bühne. Am Ende haben sie ihre Ehe zu Grabe getragen, wie Linda Loman ihren Mann Willy im Stück. Wer in den ersten Minuten genau hinsieht, ahnt das früh.

Fazit: Auch Asghar Farhadis jüngstes Drama erzählt eine Ehekrise spannend wie ein Krimi. "The Salesman" ist zwar nicht Farhadis bestes, aber sein vielschichtigstes und erneut ein in allen Belangen virtuoses Werk.





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