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Jahrhundertfrauen
Jahrhundertfrauen
© Splendid Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Jahrhundertfrauen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wie ist das wirklich, wenn eine Frau mit Mitte 50 beginnt, sich vom Lauf der Dinge abgehängt zu fühlen? Wenn sich der Teenager-Sohn ablösen will und die schwelenden Konflikte ihre Verlustangst befeuern? Das humorvolle, aber auch von leiser Melancholie durchzogene Drama von Regisseur Mike Mills spürt dem Lebensgefühl dieser Menschen zu einer ganz bestimmten Zeit nach. Es will mit ihnen und ihrem nahen Umfeld herausfinden, was die Einmaligkeit der gemeinsam verbrachten Zeit ausmacht. Dieser Ansatz, vergangene Realität zu erforschen, aber verbunden mit den Gefühlen der Menschen, die sich in ihr bewegten, erinnert an die Filme Richard Linklaters ("Boyhood", "Everybody Wants Some!!"). Der Film wirkt authentisch und angenehm frei von klischeehaften Verläufen und Werten. Aber die Geschichte plätschert auch oft einfach dahin und ist nicht frei von Längen.

Anders als der Titel suggeriert, sind die Frauen in diesem Film keine Heldinnen der Geschichte, und dass sie stellvertretend für die Frauen des vergangenen Jahrhunderts betrachtet werden können, stimmt auch nur sehr eingeschränkt. Alles scheint so locker im Alltag von Dorothea, deren altes Haus ihr, Jamie, Abbie, William und auch Dauergast Julie ein Refugium bietet. Diese Menschen fühlen sich allein und sind hier doch nicht einsam. Annette Bening spielt Dorothea, die zentrale Figur, als sehr reflektierte, großherzige Frau. Mit ihrem feinen, gut gelaunten Humor drückt sie der ganzen Atmosphäre des Films ihren Stempel auf. Dennoch ist er auch ein Ensemblestück. Die Perspektive wechselt immer wieder zu Jamie und auch die Geschichten von Abbie und Julie werden verfolgt, während William am Rande steht. Greta Gerwig spielt die von einer Krebserkrankung genesene Abbie mit gewohnt schalkhaftem Elan. Elle Fanning gibt als Julie, die sich selbst nicht versteht, aber cool und lässig wirkt, wieder einmal eine tolle Vorstellung.

Den Reiz des Film machen außerdem auch die stellenweise sehr gelungene Situationskomik und die stilistische Kreativität aus. Die Personen erzählen manchmal in Voice-Over und blicken dabei auch in die Zukunft wie in eine Kristallkugel. Immer wieder gibt es Bildmontagen zur Zeitgeschichte und in Regenbogenfarben getauchte, verschwommene Aufnahmen, die für verklärenden Memoirencharakter sorgen. Die Reibung der Generationen in diesem Haus lässt das Leben aller intensiver und dynamischer werden. Weil dem Film aber die amüsierte Attitüde lieber als das große Drama ist, wirkt er auch ziemlich dialoglastig.

Fazit: Regisseur Mike Mills vertieft sich mit humorvoller Beobachtungsgabe in den Alltag einer älter werdenden Frau, ihres Teenager-Sohns, zweier Mieter und eines Dauergasts ihres Hauses im Jahr 1979 in Kalifornien. Der Film philosophiert über Vergänglichkeit, Konstanz und das Glück, das sich nicht planen lässt. Annette Bening, Elle Fanning und Greta Gerwig tragen viel dazu bei, dass die Geschichte trotz einiger Längen und einem Hang zur Redseligkeit auch beschwingte Unterhaltung mit Substanz bietet.





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