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Kritik: Dogma (1999)


--Katholizismus: Wow!--

Seit dem Siegeszug von "Clerks", den wir dank einiger Cineasten beim WDR sogar hier in Deutschland kurz im Kino zu sehen bekamen, ist der Regisseur Kevin Smith einer der großen Stars der amerikanischen Independent-Szene. Er gehört trotz seines jungen Alters zu den wichtigsten Wegweisern im Low Budget-Kino, kann in dieser Kategorie als das gesehen werden, was Quentin Tarantino für den neuen Mainstream der späten 90er bedeutete. Seine erfrischenden Dialoge und sein Sinn für das Kino beeinflussten nicht nur die Zuschauer, sondern auch zahlreiche Filmemacher.

Smiths neuster Film "Dogma" wurde nun schon fast als Big Budget-Produkt vermarktet, was auch auf die Darsteller zurückzuführen ist, denn neben Chris Rock und Linda Fiorentino sind als gefallene Engel die mit dem Regisseur befreundeten Ben Affleck und Matt Damon mit von der Partie. Aber auch der recht unfreiwillige Werberummel von Erzkatholiken, die in dem Film einen Angriff auf ihre Religion sahen (obwohl sie ihn nicht einmal kannten), wurde für den Film zum Vorteil. Was ist nun dran, an "Dogma", dem berüchtigten neuen Kevin Smith-Werk?

Smith erzählt in einer überdrehten Satire von einem ganzen Potpourie mythischer Gestalten. Zwei gefallene Engel, einer davon ein ehemaliger Todesengel, haben einen Weg gefunden, wie sie wieder ins Himmelsreich zurückgelangen können. In New Jersey hat die katholische Kirche das Dogma gesetzt, dass jeder, der durch ihr Portal geht, alle Sünden vergeben bekommt. Wenn sich nun die beiden Engel ihre Flügel abschneiden und damit sterblich werden, können sie, die sie als Strafe von Gott persönlich auf die Erde verbannt wurden, wieder zurück ins Himmelreich. Denn mit dem Schritt hat Gott ja vergeben. Nun ist es leider so, dass Gott – ein begeisterter Minigolf-Spieler - nach seinem letzten Golfausflug verschwunden ist. Scheinbar ist er (oder sie?) noch in seinem/ihren irdischen Körper gefangen. So bekommt einer der oberen Engel, die Stimme Gottes Metatron, nasse Füße und begibt sich zur Erde hinab, um die schöne und letzte Hoffnung der Erde hinter den Engeln herzuschicken. Bethany, die letzte und nur rudimentär mit Jesus verwandte Powerfrau soll mit Hilfe zwei ungleicher Propheten (das erneute Auftreten der von Smith-Fans verehrten Jay und Silent Bob), dem 13ten Apostel und einer wunderschönen Muse sich ihrem eigenen Ego und dann den beiden Engeln entgegenstellen, zu allem Überfluß verfolgt von im wahrsten Sinne des Wortes höllischem Getier.
So schwierig es ist, "Dogma" in Worte zu fassen, so wichtig ist es, die Qualitäten dieses Ausnahmewerkes hervorzuheben. Kevin Smith wurde schon mehrfach für seine Dialoggefechte gerühmt, Filmfans lieben sein freies und persönlich anmutendes Spiel mit offenen wie versteckten Filmzitaten, welche auch seinen fast schon fanatischen Spaß an "Star Wars" und "Indiana Jones", ja überhaupt dem in der restlichen Independent-Szene so oft verschrienen Blockbuster-Kino der späten 70er und 80er Jahre, verraten. An all diesem hat sich wenig geändert. In "Dogma" kommt nun aber noch eine weitere Komponente zum frechen Spiel mit der Entertainment-Kultur hinzu. Smith verwebt die Bibel mit tausenden Entlehnungen aus der vorwiegend katholischen Mythologie, um einen ganz und gar irdischen Kommentar auf den ewigen Konflikt zwischen Glauben und Kirchentum darzubieten.
Es ist ein durchaus ernstes Anliegen Smith', die Kirche zu problematisieren, ebenso wie den Verlust des Glaubens. Dennoch steht er jeden Moment für den Glauben an Gott ein – was alleine schon den Wind aus den Segeln der sogenannten Glaubenswächter nehmen sollte -, wehrt sich aber gegen die althergebrachten und typischen Dogmen, die den Glauben über Jahrhunderte weg immer wieder für eher politische Zwecke zurechtbogen.

Anders als der wohl einzige wirklich große Lacherfolg auf Kosten der Kirche "Das Leben des Brian" setzt "Dogma" nicht direkt bei den berüchtigten "Bibelschinken" an, wenn er auch so manchen Seitenhieb aus geheiligter Sicht Richtung Hollywood bietet. Ohne Umschweife läßt nämlich Smith die Kirchenfiguren selbst sprechen, die sich über so vieles auszulassen haben und den Spies gehörig umdrehen, wenn es um so typisch bigotte Haltungen wie "Abtreibung nein danke" geht. Um den Film dann auch wirklich ganz zu genießen, sollte man sich wenigstens ein wenig mit der Kirchenmythologie auskennen und auch ein großes Filmwissen mitbringen. "Dogma" ist eben ein Film für Filmfans auf der einen und "Normalgläubige" auf der anderen Seite. Und was am faszinierendsten ist, bleibt für die Zeit nach dem Kinobesuch aufgespart. Wer nämlich ausgelacht hat, beginnt nachzudenken, seinen eigenen Glauben zu beobachten und erstaunliche Realitäten hinter der Fassade sakraler Fantasy zu entdecken. Kann Kino mehr leisten?




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