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Der Goldene Kompass
Der Goldene Kompass
© 2007 Warner Bros. Ent.

Kritik: Der Goldene Kompass (2007)


Fans von "His Dark Materials", die befürchten, ein zweites "Harry Potter und der Stein der Weisen" vorgesetzt zu bekommen, können beruhigt aufatmen: Chris Weitz’ Kinderdarsteller sind nicht passabel, sondern tatsächlich talentiert - allen voran die Hauptdarstellerin Dakota Blue Richards. Lyras Welt ist mit barocker Opulenz ausgestattet, Dæmonen sind nicht zu possierlich geraten und die Geschichte wurde plausibel gerafft. Aber: Philosophische Ideen des Buches wurden zugunsten der Action zurückgestellt, es fehlt jeglicher Humor und Dæmonen werden plump als "Seelen" eingeführt. Schließlich ist auch fraglich, ob Zuschauer, die mit Philipp Pullmans Werk nicht vertraut sind, der hastigen Handlung ohne weiteres folgen und sich für Lyra erwärmen können. Allen, die das Buch noch nicht kennen, sei damit dringend raten: Erst lesen! "Der Goldene Kompass" spielt in einer Welt, die der unseren zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr ähnlich ist, wenn auch technisch weiter fortgeschritten. Der wichtigste Unterschied: Zu jedem Menschen gehört ein Dæmon, ein sprechendes Tier, das seinen Menschen als Teil der Persönlichkeit stetig begleitet. Die 12jährige Waise Lyra wächst in der Universitätsstadt Oxford auf, in der Obhut von Wissenschaftlern. Eher durch Zufall verhindert sie in letzter Sekunde die Vergiftung ihres Vormunds Lord Asriel (Daniel Craig), einem Wissenschaftler, der am Nordpol eine erstaunliche und gefährlich Entdeckung machte. Kurz darauf wird Lyras Freund Robert, ein Küchenjunge, entführt. Lyra macht sich auf die Suche nach ihm und entdeckt dabei nicht nur das Geheimnis ihrer rätselhaften Herkunft, sondern auch eine grauenhafte Versuchsstation am Nordpol, in der die skrupellose Mrs. Coulter (Nicole Kidman) für die ominöse Religionsgemeinschaft des Magisteriums scheußliche Experimente an Kindern durchführen lässt. Doch Lyra findet auf dem Weg Freunde, die sie unterstützen und beschützen - unter anderen den Aeronauten Lee Scoresby (Sam Elliott), einen sprechenden, Rüstung tragenden Eisbären namens Iorek und die weise Hexenkönigin Serafina Pekkala (Eva Green). Außerdem bekommt sie ein kostbares Kleinod mit auf den Weg – einen goldenen Kompass, der demjenigen, der ihn zu deuten weiß, die Wahrheit kund tut. Ein Voiceover (im Original von Eva Green) führt in die komplizierte Welt von Lyra ein – mit viel zu vielen Fakten, die man teils innerhalb der Geschichte, teils sogar visuell erzählen könnte. Zudem wird mit dem Prinzip der Parallelwelten ein sich im Buch erst nach und nach abzeichnendem Geheimnis offenbart. Ein Dæmon, erklärt die Stimme weiter, sei die Seele des Menschen. Womit spätere Szenen, in denen ein Dæmon eigenständig gegen seinen Menschen (Mrs. Coulter) handelt, dann etwas befremdlich wirken, während eine Szene, in der ein Mensch ohne Dæmon gezeigt wird, unverzeihlich undramatisch und schnell abgehandelt wird. Lyra macht den anfänglichen Infoschub schnell wieder wett: Richards verleiht der komplexen Figur mit erstaunlicher Präzision Leben, von herrisch-arrogantem Übermut zum Mut der Verzweiflung. Dem ebenbürtig spielt – wie zu Erwarten – Nicole Kidman. Als glamouröse unterkühlte Schurkin mit abrupt durchscheinender Gefühlswelt ist sie ohnehin am Besten. Daniel Craig gibt zumindest einen Eindruck von Lord Asriel, einem ruchlosen Rebell, der sich von niemandem aufhalten lässt. Oft zu sehen ist er nicht. Weitaus charismatischer ragt der genial besetzte Sam Elliott unter den zahlreichen Nebenfiguren heraus, als lakonischer Texaner Lee Scoresby. Eva Green leidet am meisten unter den Buchkomprimierungen: Ihr Charakter wird lieblos in die Handlung geschmissen, wobei man kaum etwas über das besondere Wesen der Hexen in Pullmanns Schöpfung erfährt. Dann sind da noch die CGI-Charaktere, durch die Dæmonen jede Menge davon. Besonders gelungen ist Iorek Byrnison, der Panzerbär. Die Freundschaft zu Lyra entpuppt sich tatsächlich als eine der emotional überzeugenderen Charakterbeziehungen des Films. Was auch daran liegt, dass Ian McKellen für ihn spricht und brüllt. Überhaupt sollte, wer Englisch gut versteht, das Original sehen, allein schon Scoresbys melodiösem Akzent wegen. Die überzeugenden Schauspieler erheben die Geschichte dann auch aus den zum Teil bombastischen CGI-Szenerien, die wie üblich leicht unterkühlt wirken – und das nicht nur in den Eislandschaften. Die Verfilmung des ersten Teils aus Pullmans intelligenter Fantasytrilogie ist ein rauschhaftes, opulentes, von einigen großartigen Darstellungen getragenes Märchen, dessen ursprünglich tiefere Schichten – wie die Bedrohung des freien Willens – zumindest angedeutet werden. Dass Zauber und Einfallsreichtum der Vorlage nicht erreicht werden, dürfte wohl niemanden überraschen. Wohl aber das Ende: Lyras Weg wird mit einem Cliffhanger abgeschnitten, der dem des Romans zeitlich noch vorausgeht. Im Hinblick auf ein Sequel macht das Sinn, als Abschluss eines eigenständigen Abenteuers wirkt es reichlich unbefriedigend.




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