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Kirschblüten - Hanami
Kirschblüten - Hanami
© 2008 Majestic Film Verleih GmbH

Kritik: Kirschblüten - Hanami (2007)


Mit „Kirschblüten - Hanami“, der dieses Jahr im Wettbewerb der Berlinale zu sehen war, legt „Männer“-Regisseurin Doris Dörrie ein für ihre Verhältnisse überraschend dialogarmes Drama rund um Liebe, Tod und unerfüllte Träume vor. Bekannt eigentlich für ihre Fähigkeit zu genauer Alltagsbeobachtung, lässt Dörrie dieses Talent in ihrem neuesten Drama eher selten - vor allem in Setting, Hintergründen, nebensächlichen Episoden - aufblitzen - ihre Figuren hingegen sind ihr (mit einer Ausnahme) entweder klischeehaft und zu überspitzt, oder aber haarsträubend unglaubwürdig geraten.

Da sind die gestressten Kinder von Rudi und Trudi, die sich wenig bis gar nicht bemühen zu verbergen, wie genervt sie vom Besuch der Eltern sind: Der mittlere Sohn Klaus, ein Politiker, und seine Ehefrau versuchen, Trudi und Rudi wie den schwarzen Peter möglichst schnell weiterzureichen. Der jüngsten Tochter Karo entgleisen im Beisein ihrer Eltern regelmäßig die Gesichtszüge – permanent grimassiert sie wild vor sich hin und gibt so patzige Antworten, als wäre sie in der Pubertät hängen geblieben.
Ähnlich überzeichnet die ständig vor Gameboy und Spielekonsole klebenden Enkelkinder, die – natürlich - meckern, weil sie sich für die Dauer des Besuchs ihrer Großeltern ein Zimmer teilen müssen.

In dieser kleinen Familienklischee-Horrorshow kümmert sich dann allein die Lebensgefährtin der jüngsten Tochter um das Rentnerpaar. Auch besitzt sie als einzige den Anstand, zu Trudis Beerdigung nach Bayern zu fahren. Die Kinder hingegen teilen schon mal, ohne es für nötig zu halten den Vater zu fragen, den Nachlass ihrer Mutter auf und versuchen sich gegenseitig die Verantwortung für den Vater zuzuschieben. Ja, es geht doch nichts über eine liebende Familie!

Sind schon die Kinder insgesamt etwas too much, lässt einen die Figur der Trudi dann komplett irritiert zurück: Nichts gegen bayerische Hausfrauen, mag sein, dass in ländlicher Idylle auch die Sehnsucht nach tänzerischem Ausdruck wilde Blüten treibt – aber mal ehrlich: Wie glaubwürdig ist denn bitte eine 60+-jährige bayerische Landfrau, die ihr Leben lang von einer grandiosen Karriere als Butoh-Tänzerin in Japan geträumt hat (was rein rechnerisch schon deswegen nicht möglich ist, weil der japanische Ausdruckstanz erst 1959 entwickelt wurde)?
Zu all diesen, nun, sagen wir, gewöhnungsbedürftigen, Figuren kommt dann noch eine 18jährige obdachlose, japanische Butoh-Tänzerin, die sich liebevoll um den etwas verwirrt wirkenden deutschen Rentner in Frauenkleidern kümmert, ihn an den Berg Fuji schleift und auch überhaupt kein Problem damit hat, sich im Gästehaus in aller Unschuld einen Futon mit ihm zu teilen.
Und natürlich Rudi selbst – ein wortkarger Ur-Bayer, den es nach dem Tod seiner Frau von Trauer und Schuldgefühlen geplagt nach Tokio zieht, wo er in den Kleidern seiner Verstorbenen durch die Straßen wandert und sich auch mal von ein paar Prostituierten in eine Wanne stecken und einseifen lässt, bevor er sich selbst in einen Butoh-Fan wandelt.

Dass „Kirschblüten - Hanami“ trotz all dieser zum Großteil nervig bis eher unglaubwürdigen Figuren nicht komplett daneben geraten ist, sondern am vorhersehbaren Ende tatsächlich sogar ein wenig zu rühren vermag, liegt – überraschenderweise - an Elmar Wepper, der für seine Leistung durchaus zu Recht mit dem bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.
Wohltuend zurückhaltend gibt er den trauernden Rudi, der vom Tod seiner Frau komplett überrumpelt wurde – aber nicht ganz so lebensuntüchtig ist, wie seine Kinder sich einreden. Jeder Zeit nimmt man ihm den durch die Trauer von seiner Spießgikeit abgerückten, staunend, aber doch auch neugierig durch das ihm so fremde Japan reisenden Witwer ab – und das hilft, all jene Unglaubwürdigkeiten zu vergessen, mit der Japan-Fan Dörrie das Setting in ihr Traumland manövriert hat.
Trotzdem aber muss man bei aller Gutmütigkeit festhalten, dass auch auch Wepper den Karren nicht ganz aus dem Dreck ziehen kann – dafür wiegen die Patzer im Figurenentwurf und der von Anfang an ziemlich mächtige Vorhersehbarkeitsfaktor dann doch zu schwer.

Fazit: Dank guter Leistung von Elmar Wepper gerade noch so akzeptables Drama – am ehesten für Taschentuch-bewehrte Zuschauer (etwas) älteren Semesters, die bereit sind über teils merkwürdige Figuren und die vorhersehbare Story großzügig hinwegzusehen...




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