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Kritik: Donnie Darko (2001)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Was macht eigentlich Richard Kelly? Sein letzter Film "The Box" (2009) liegt bereits mehr als ein Jahrzehnt zurück. Seither ist es still um den 1975 geborenen Regisseur geworden, der einst als das nächste Wunderkind Hollywoods galt. Zwar hat Kelly in der Zwischenzeit unzählige Drehbücher verfasst, er konnte jedoch keines davon umsetzen. Ob er jemals wieder einen Film drehen wird, steht derzeit also in den Sternen. Umso mehr Anlass, sich Kellys Anfänge noch einmal näher anzusehen.

Richard Kellys erster abendfüllender Spielfilm, den er mit gerade einmal 26 Jahren vorlegte, ist Kult. Das war allerdings nicht von vornherein so. In den US-Kinos ist "Donnie Darko" (2001) gefloppt, in Deutschland kam er erst gar nicht in die Lichtspielhäuser. (Beides hat auch damit zu tun, dass der Film mit dem Absturz einer Flugzeugturbine auf ein Einfamilienhaus beginnt, was kurz nach dem 11. September 2001 nicht sonderlich publikumsträchtig war.) Hier wie dort erlangte Kellys eigenwilliger Mix aus düsterem Coming-of-Age-Drama, schrägem Mystery-Thriller und verspultem Zeitreisefilm erst auf dem Heimkino-Markt die nötige Popularität, um zum Kultfilm zu avancieren. Kellys Erstling war einer jener Filme, dessen Namen man sich auf Partys zuraunte, wenn man auf Filme zu sprechen kam, die man unbedingt gesehen haben sollte und den man – gern auch auf Partys – in größerer Runde konsumierte, nicht sofort verstand und im Anschluss umso wilder diskutierte.

In diesem Jahr feiert "Donnie Darko" seinen 20. Geburtstag, was Studiocanal zum Anlass nimmt, den Film erstmals in Deutschland in die Kinos zu bringen. Zu sehen ist eine restaurierte 4K-Version der originalen Kinofassung. Wer nur den 20 Minuten längeren Director's Cut kennt, hat also umso mehr Grund, sich dieses pechschwarz funkelnde Filmjuwel auf der großen Leinwand anzusehen. Denn "Donnie Darko" funktioniert auch zwei Jahrzehnte nach seinem Entstehen immer noch prächtig – und sieht nun dank der Restaurierung noch besser aus.

Dass "Donnie Darko" nichts von seiner Faszination verloren hat, liegt sowohl an seiner Rätselhaftig- als auch an seiner Zeitlosigkeit. Obwohl der Film Anfang der 2000er Jahre gedreht wurde und Ende der 1980er Jahre spielt, sieht er weder wie ein typischer Film von der Jahrtausendwende noch wie einer aus den Achtzigern aus. Das liegt auch daran, dass die Hauptfigur eine Highschool besucht, an der alle eine Schuluniform tragen müssen, wodurch die Modeerscheinungen jener Jahre auf ein Minimum reduziert sind. Das Hauptthema eines rebellischen und labilen Jugendlichen, der seinen Platz in der Gesellschaft sucht, ist nicht nur universell, wie das im Hintergrund stets miterzählte Thema einer moralisierenden, aber bigotten politischen Rechten scheint es aktueller denn je.

Was Kellys Debüt jedoch so kraftvoll macht, ist seine hypnotische Wirkung. Hier war ein junger Regisseur am Werk, der genau wusste, wie er das Seltsame, das sich hinter dem scheinbar Normalen verbirgt, und die erschreckenden Abgründe, die sich unter dem scheinbar Gewöhnlichen auftun, so geschickt miteinander vermengen muss, dass das Ergebnis irritierend und anziehend zugleich ist. Kellys Talent, Gegensätze attraktiv aussehen zu lassen, fängt bereits beim Casting an. Jake Gyllenhaal in seiner bis dahin größten Rolle ist die perfekte Wahl für die Titelfigur. Sein Donnie Darko ist so schüchtern, verschroben und im Umgang mit seiner von Jena Malone gespielten Mitschülerin so ungelenk, dass sich das Publikum problemlos mit diesem Außenseiter identifizieren kann. Gleichzeitig schlummert hinter seinem treudoofen Schlafzimmerblick aber auch eine rebellische, gefährliche und beunruhigende Ader, die das Publikum nicht vollends einschätzen kann.

Das Ergebnis erinnert an andere Filme, die um die Jahrtausendwende oder Ende der 1980er Jahre entstanden sind. In Sam Mendes' "American Beauty" (1999) oder in David Lynchs "Blue Velvet" (1986) etwa tun sich hinter denselben weißen Gartenzäunen Abgründe auf. Mit Lynchs Filmen teilt sich Kellys Film zudem die surreale Qualität und mit Lynchs "Lost Highway" (1997) die zeitschleifenhafte Erzählstruktur. Auch wenn es bei Kelly am Ende nicht so gesellschaftskritisch wie bei Mendes und nicht so albtraumhaft wie bei Lynch zugeht und sich das Rätselhafte letztlich einfacher auflösen lässt als bei Lynch, ist "Donnie Darko" keine bloße Kopie der bekannten Vorgänger. Kellys Film hat seine ganz eigene Handschrift, die sich auch heute noch sehen lassen kann.

Fazit: Anlässlich seines 20. Jubiläums kommt Richard Kellys Kultfilm "Donnie Darko" erstmals in die deutschen Kinos. Wer den Film noch nicht gesehen hat oder zwei Jahrzehnte nach dessen Premiere noch einmal miträtseln möchte, sollte unbedingt ein Ticket lösen. Denn Kellys düsterer Mix aus Coming-of-Age- und Mysteryfilm ist bis heute hypnotisch – und sieht jetzt dank 4K-Restaurierung noch einen Tick besser aus.




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