VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Winter's Bone - Hauptplakat
Winter's Bone - Hauptplakat
© 2010 Ascot Elite Filmverleih GmbH

Kritik: Winter's Bone (2010)


In "Winter's Bone" erzählt Debra Garnik im Grunde genommen eine einfache Geschichte: Die 17-jährige Ree Dolly (Jennifer Lawrence) kümmert sich in den Ozarks Mountains im südlichen Missouri um ihre jüngeren Geschwister und ihre psychisch kranke Mutter. In dieser düsteren Ödnis schlagen sich die Menschen mit Crystal Meth und Countrymusik durchs Leben, auch Rees Vater ist gerade mal wieder auf Kaution frei. Nun teilt ihr der Sheriff mit, dass er nicht zum angesetzten Gerichtstermin erschienen sei. Für seine Kaution hat er das Haus mitsamt Grundstück verpfändet, so dass Ree und ihrer Familie die Obdachlosigkeit droht, sollte ihr Vater nicht innerhalb von sieben Tagen auftauchen. Für Ree gibt es nur einen Weg: Sie muss ihren Vater finden – tot oder lebendig.

Mit ihrer Suche sorgt Ree für Unruhe, die Menschen in dieser Gegend schweigen lieber oder haben sich wie ihr Onkel Teardrop (John Hawks) völlig den Drogen und Nihilismus hingegeben. Dabei fangen die Bilder von Kameramann Michael McDonough die Ödnis dieser Gegend, die trostlose und heruntergekommene Atmosphäre ausdrucksstark ein. In jeder Hinsicht ist die Authentizität dieses Films bemerkenswert. Natürlich ist "Winter's Bone" ein fiktiver Film, dennoch stellt sich der Eindruck ein, man begegne unverfälschten, echten Charakteren; schmuddeligen, zum Teil übergewichtigen und vor allem gewöhnlichen Amerikanern, die sich irgendwie mit der Herstellung und dem Verkauf von Methamphetaminen über Wasser halten. Sie schlagen sich durch das Leben und nehmen dafür in Kauf, dass – wie Teardrop einmal betont – Männer in dieser Gegend meistens nicht alt werden.

Ein Teenager wie Ree kann kaum etwas ausrichten. Sie muss mit ansehen, wie sich ihr Onkel langsam zugrunde richtet und ihr Vater die Familie im Stich lässt. Der Drogensumpf, die Armut und die Abgestumpftheit der Menschen ist ihr Alltag, sie wird ihm kaum entfliehen können. Deshalb kann sie nur versuchen, nicht dieselben falschen Entscheidungen zu treffen und die Folgen für ihre Geschwister abzumildern. Dennoch ist sie ihrer Familie und den Menschen in dieser Gegend verbunden, sie ist eine Dolly, "bread and buttered". Sie lebt in diesem Mikrokosmos im Süden von Missouri und hat dessen Regeln verinnerlicht. Deshalb schämt sie sich für ihren Vater, der gegen die ungeschriebenen Gesetze verstoßen hat, und diese Scham ist für sie weitaus schlimmer als alle erlittenen Gefahren. Für sie ist Schweigen Teil ihres Alltags – ebenso wie die Eichhornjagd, die sie ihren Geschwistern vorsichtshalber beibringt.

"Winter's Bone" wird fast alleine von Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence getragen, die über eine beeindruckende Leinwandpräsenz verfügt. Der Zuschauer fiebert mit ihr mit, sucht gemeinsam mit ihr nach ihrem Vater und spürt ihre Verzweiflung. Dabei wird explizite Gewalt weitgehend ausgespart, denn Rees Leben ist schon erschütternd genug. Doch durch sie wird auch die Menschlichkeit dieses Ortes deutlich. Ihr Verantwortungsbewusstsein verlangt den Menschen Respekt ab und bringt sie zum Handeln. Die Nachbarin, die argwöhnisch Rees Gespräch mit dem Sheriff beobachtet, schenkt ihr Nahrungsmittel, selbst die hartgesottene Merab (Dale Dickey), rechte Hand des örtlichen Drogenbosses Thump Milton, hilft ihr schließlich. Denn bei aller Düsterheit und Ödnis dieses Films verlieren die Charaktere niemals ihre Würde und insbesondere Rees Onkel Teardrop gehören herzzerreißende Momente, die in nachdrücklicher Schlichtheit eingefangen werden. Darüber hinaus gibt es hoffnungsvolle Szenen, die stets mit dem Banjo verbunden sind, jenem Instrument, das fast schon klischeehaft für den Süden steht. Und so bleibt am Ende des Films auch für den Zuschauer die Hoffnung, dass Ree und ihre Geschwister überleben.

Fazit: "Winter'As Bone" ist ein ehrliches Sozialdrama, das das Leben weder beschönigt noch dramatisiert. Dieser Independentfilm, der beim Sundance Festival den Großen Preis der Jury gewonnen hat und für vier Oscars nominiert wurde, bleibt dank seiner geradlinigen Inszenierung, herausragenden Hauptdarsteller und schlichten Ästhetik lange in Erinnerung.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.