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Kritik: Motherless Brooklyn (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der amerikanische Schauspieler Edward Norton hat diesen atmosphärisch dichten Film noir in vierfacher Hinsicht geprägt - als Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Hauptdarsteller. Er verlegt die Handlung, die auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Lethem basiert, in die 1950er Jahre zurück, als sich New York in einer Phase umwälzender Modernisierung befand. Doch diese intensive Bautätigkeit und Neugestaltung ging einher mit einer Zerstörung gewachsener Nachbarschaften und der Verdrängung schwarzer Einwohner.

Mit der Filmfigur des mächtigen Stadtentwicklers Moses Randolph erinnert Norton an Robert Moses, dessen Tätigkeit viele Straßen, Brücken, Parks, Wohngebäude, das Hauptquartier der Vereinten Nationen, der Central Park Zoo entstammen. Moses hatte sich aber auch eine Art Schattenkabinett mit unkontrollierter Macht eingerichtet und er ließ eine halbe Million Bürger mit niedrigem Einkommen aus ihren Vierteln vertreiben. Auch wenn Nortons Film atmosphärisch stark in den 1950ern verwurzelt ist, so stellt er deutliche Bezüge zur Gegenwart her, in der das Problem der Gentrifizierung und unbezahlbarer Stadtwohnungen globale Ausmaße angenommen hat.

Außerdem verkörpert Moses Randolph einen Menschen, der an die von der MeToo-Bewegung der jüngeren Zeit angeprangerten Männer in hohen Positionen erinnert, die sich Frauen sexuell aufdrängten, ohne sie groß zu fragen. In einem furiosen Monolog erklärt und verteidigt Alec Baldwin als Moses das Wesen der Macht, und man meint schaudernd, er beziehe sich auf Ereignisse der jüngsten Vergangenheit.

Edward Norton spielte 1996 in "Zwielicht" einen schüchternen, psychisch beeinträchtigten Mann, der stotterte. Nun gibt er eine beeindruckende Vorstellung als Mann mit Tourette-Syndrom, der Wortspiele und Reime ohne Sinn herausschleudert, wenn er nervös ist. Lionel ist die Verkörperung der Einsamkeit, die zum Film noir gehört wie die melancholische, düster-traumwandlerische Stimmung, die hier so gekonnt heraufbeschworen wird. Die visuelle Gestaltung ist einfach großartig. Die Voice-Over-Erzählung Lionels verstärkt das Gefühl der Entrücktheit, und der herrliche Jazz, der den Film durchzieht, vermittelt so etwas wie Trost und Überlebenswillen. Es fehlt nur die Noir-typische Femme fatale – allerdings nicht die Liebe.

Fazit: Unter der Regie von Edward Norton, der auch die Hauptrolle eines Detektivs mit Tourette-Syndrom spielt, entwickelt diese auf dem gleichnamigen Roman von Jonathan Lethem basierende Geschichte einen betörenden Film-Noir-Zauber. Die Krimihandlung spielt in den 1950er Jahren, als eine Welle der Gentrifizierung die Stadt New York erfasste und das Gesicht von Vierteln wie Brooklyn nachhaltig veränderte. Der mit namhaften Darstellern wie Bruce Willis, Willem Dafoe, Alec Baldwin, Gugu Mbatha-Raw besetzte Film verbindet eine ergreifende, von Jazz durchzogene, nostalgische Atmosphäre mit einer Handlung, die deutliche sozialkritische Bezüge zur Gegenwart aufweist.




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