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Paradies: Liebe
Paradies: Liebe
© Neue Visionen

Kritik: Paradies: Liebe (2011)


Zu Anfang des Films "Paradies: Liebe" steht Teresa (Margarethe Tiesel) bei einem Auto-Scooter vor einer Wand, die jenes Paradies zeigt, von dem sie träumt: Palmen am Strand und ein romantischer Sonnenuntergang. Sie betreut geistig Behinderte, die bei dem Auto-Scooter ein wenig Spaß haben – und auf ihr Kommando hören. Teresa mag es, die Kontrolle zu behalten. Dann bringt sie ihre unselbständige und bequeme Tochter zu einer Freundin und begibt sich auf eine Reise in das vermeintliche Paradies Kenia.

Durch ihre Freundin Inge (Inge Maux) lernt sie dort ein besonders Angebot kennen. Als Sugarmama eines afrikanischen Beachboys erfüllt sich Inge ihre sexuellen Wunschträume und schwärmt Teresa unverhohlen vor. Für sie ist Kenia das Paradies körperlicher Liebe, und Teresa lässt sich davon beeindrucken. Sie wagt selbst den nächsten Schritt, geht mit einem jungen Kenianer erst tanzen und dann in ein Hotelzimmer. Aber im entscheidenden Moment bricht sie diesen Versuch ab, hier ist die Ökonomie des Vorgangs allzu offensichtlich. Erst durch ihre zweite Bekanntschaft mit Munga (Peter Kazungu), der sie vorgeblich vor aufdringlichen Verkäufern am Strand schützt, wird sie zu einer Sugarmama. Zum einen versteht Munga es, ihr Gefühle vorzuheucheln, zum anderen findet sich Teresa in ihre Rolle als für die Liebe Bezahlende hinein. Wie in ihrem heimatlichen Leben übernimmt sie das Kommando und zeigt ihm, wie er ihre Brüste berühren und sie ansehen soll. Munga folgt ihren Anweisungen nahezu gleichgültig, dennoch scheint es Teresa anfangs zu gelingen, sich selbst in eine Liebesbeziehung zu imaginieren. Doch schnell holt sie die Realität ein: Munga braucht Geld für das kranke Kind seiner Schwester und zeigt ihr eine Schule, die ebenfalls Geld braucht.

"Paradies: Liebe" ist der Auftakt einer Trilogie des Österreichs Ulrich Seidl und dieser erste Teil besticht vor allem mit dem trockenen Humor in der Bildsprache und der Kraft seiner Aussage. Sehr deutlich werden diese Vorzüge in dem Bild, in das Ulrich Seidl die Zwei-Klassen-Gesellschaft fasst: Am Strand trennt ein Seil die Urlauber in Teresas Ressort von den Verkäufern. Dabei verharren die Verkäufer ebenso bewegungslos wie die Touristen auf ihrer Liege liegen und sich sonnen. Sie lauern darauf, dass jemand diese Grenzen überschreitet. Denn für die Menschen hinter dem Seil ist an den Touristen vor allem eines interessant – ihr Geld. Während die einen Schmuck und Bootstouren anbieten, verkaufen andere ihren Körper.

Doch so komisch manche Bilder auch anmuten: Niemals macht sich Ulrich Seidl über seine Figuren lustig. Dadurch verhindert er, dass sich der Zuschauer auf eine einfache moralische Position begeben und auf Terese und ihre Freundinnen hinabblicken oder dem Film entfliehen kann. Mit zunehmender Dauer ist es mitunter kaum auszuhalten, wie Teresa und ihre Freundinnen sich verhalten. Sie beginnen, ihre ökonomische Machtposition auszunutzen, indem sie beispielsweise einem Kellner österreichische Wörter nachsagen lassen und ihn auslachen. Empfindet man anfangs vielleicht noch Mitleid mit Teresa, die von einer hervorragenden Margarete Tiesel verkörpert wird, verändert sich die Haltung ihr gegenüber. Aus der naiven Frau, die immer wieder glauben will, sie würde den Männern etwas bedeuten, wird eine Sextouristin, die deutliche Forderungen stellt und ihren Boy schon einmal anherrscht, er solle gefälligst deutsch sprechen. Sie wird zunehmend fordernd – und wenn sie mit ihren Freundinnen einen Stripper auf das Zimmer bestellt, wird die Ausbeutung offensichtlich. Die Frauen verlangen von den Männern Sex, während diese von den Frauen Geld wollen. Dadurch verweist dieses Verhältnis zugleich auf den Umgang von reichen und armen Ländern. In beiden Fällen ist es ein Geschäft mit Beigeschmack.

"Paradies: Liebe" ist ein unbequemer Film, in dem die Körper zunehmend zu Objekten werden, die man im Kino nicht allzu oft sieht: Übergewichtige, mittelalte Frauen und nackte schwarze Männer. Dabei ist es auch ungewohnt, Frauen zu sehen, die Männer wie Objekte behandeln. Hier hat man sich schon sehr an die oftmals vorherrschende männliche Sicht angepasst, in der Frauen zu Objekten werden. Und nicht zuletzt deshalb ist "Paradies: Liebe" ein sehenswerter Film.

Fazit: Ulrich Seidls Film "Paradies: Liebe" ist keine leichte Kost, sondern ein differenzierter Film über Liebe, Sehnsucht, Macht und Ausbeutung.





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