VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: The Raid (2012)


Indonesien spielte auf der Landkarte des Films bis heute kaum eine bedeutende Rolle. In den vergangenen Jahren waren es vor allem billig produzierte Horrorfilme von minderwertiger Qualität, die den heimischen Markt überschwemmten. Die meisten dieser Filme, die solch abstruse Titel wie "In den Armen der minderjährigen Geisterwitwe" oder "Tanzende Karanga-Geister" tragen, kamen nie über den indonesischen Markt hinaus und erschienen in vielen europäischen Ländern nicht einmal auf DVD. Ähnlich gestaltete es sich aber auch im Bereich massentauglicher Genres. Selbst der erfolgreichste indonesische Film aller Zeiten, das Drama "Laskar Pelangi - Die Regenbogenkrieger" (2008), ist hierzulande weitgehend unbekannt. Die internationale Bedeutung des Filmmarktes Indonesien könnte sich jedoch mit dem neuen Werk des walisisch-stämmigen Regisseurs Gareth Evans erhöhen, der mit "The Raid" nun einen der härtesten und wuchtigsten Martial-Arts-Actionfilme der vergangenen Jahre vorlegt. Bereits seit seinem Kampfkunst-Spektakel "Merantau - Meister des Silat" von 2009 genießt Evans einen exzellenten Ruf als Experte für stimmungsvolle Action, kompromisslose Härte und großartig choreographierte Kampszenen. Mit seinem vierten Film "The Raid" – der genau diese Aspekte erneut auf unnachahmliche Art vereint – könnte ihm nun der weltweite Durchbruch gelingen. Der Film wurde bereits im vergangenen Jahr auf einschlägigen Filmfestivals mit Preisen überhäuft.

Ein mehrstöckiges Wohnhaus in einem Slum von Jakarta. Das verwinkelte Gebäude dient Drogenboss Tama (Ray Sahetapy) als Hauptquartier, hier hat er sich mit seiner schwerbewaffneten Privatarmee verschanzt. Nun soll eine Eliteeinheit unter der Führung des korrupten Lt. Wahyu (Pierre Gruno) die Festung stürmen und den Gangster festnehmen. Wie sich bald herausstellt, ein lebensgefährlicher Einsatz: Tama hat Sicherheitsvorkehrungen getroffen und ist nicht bereit, sich einfach zu ergeben. Bald haben Scharfschützen die Polizisten im Visier und die Einheit wird immer mehr aufgerieben. Stockwerk für Stockwerk arbeiten sich die wenig verbliebenen Männer durch das heruntergekommene, fünfzehnstöckige Gebäude. Unter ihnen befindet sich auch Nahkampfspezialist Rama (Iko Uwais), dessen Bruder auf der Seite der Verbrecher kämpft.

Abgesehen von den ersten zehn Minuten, kommt "The Raid" als Non-Stop-Actioner mit atemberaubenden Kampfsequenzen und ultrabrutaler Härte daher, der dem Zuschauer kaum Zeit zum Verschnaufen gewährt. Die ersten Minuten des Films versteht Regisseur Evans als Ruhe vor dem Sturm. Diese Zeit nutzt er, um die Spezialeinheit beim Eindringen in das Apartment zu zeigen und die Hauptfigur Rama als frisch gebackenen Vater einzuführen. Der Rest des knapp 100-minütigen Films spielt sich einzig in dem trostlosen, labyrinthartigen Gebäude ab, in dem es die Spezialeinheit mit den bis an die Zähne bewaffneten Handlangern von Tama zu tun bekommt. Dabei geht ein Großteil der bedrohlichen, klaustrophobischen Atmosphäre und Stimmung des Films von dem Gebäude selbst aus, einer scheinbar undurchdringlichen Festung. Was sich darin abspielt, ist blutiger und härter als alles, was in den vergangenen Jahren in Sachen Martial-Arts-Action in die Kinos kam. Die verbliebenen Männer der Spezialeinheit, allen voran der Kampfkunst-Spezialist Rama, kämpfen, schlitzen und ballern sich durch die Hochburg des Drogenbosses. Das Blut spritzt, Knochen brechen, Körper fliegen durch die Lüfte. Die Kamera fängt hier jedoch kein sinnentleertes Gemetzel oder Schlachtfest ein, sondern ausgefallene und atemberaubende Choreographien und Stunts, die einen großen Reiz des Films ausmachen.

Ein großes Lob gebührt hier Kameramann Matt Flannery, der die Kämpfe in konsequent kühlen und spektakulären Bildern einfängt. Flannery verzichtet dabei fast vollständig auf Nahaufnahmen und zeigt das Geschehen oft minutenlang ohne Schnitte und Unterbrechung. Das fordert dem Zuschauer mitunter einiges ab. Man muss schon genau, aufmerksam und konzentriert hinsehen, dass einem auch ja kein Messerstich und Schlag entgeht. Selbst in der Totalen, die Flannery zumeist einsetzt um die rasanten Kämpfe für den Zuschauer gut sichtbar ins Blickfeld zu rücken, fällt es manchmal schwer, den Überblick zu bewahren. Bemerkenswert ist, dass der Film mit nur wenigen CGI-Effekten auskommt. Der Kampfstil, der hier zum Einsatz kommt, heißt Silat und ist eine malaiische, extrem harte Kung-Fu-Variante. Besonders Hauptdarsteller Iko Uwais, selbst ein Meister dieser Kampfkunst-Art, beweist seine kämpferische Klasse und sorgt mit seinen waghalsigen Einlagen und Stunts für Staunen beim Zuschauer. Uwais spielte bereits in "Merantau - Meister des Silat" die Hauptrolle und erweist sich für Regisseur Evans hier abermals als Glückgriff. Natürlich ist die Handlung sehr dünn geraten und auf ein Minimum reduziert, Evans macht jedoch schon nach wenigen Minuten deutlich, dass es ihm bei "The Raid" weniger um Story und Charaktere als vielmehr um harte, packende Action- und Kampfkunst-Szenen geht. Und das bietet der Film reichlich und auf höchstem Niveau. Vor allem Martial-Art-Fans kommen hier voll auf ihre Kosten.

Action statt Story: "The Raid" bietet beinharte, spektakuläre Martial-Arts-Kost ohne viel Inhalt, dafür mit Kampfeinlagen und Stunts, die einem den Atem rauben.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.