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Kritik: Schloss aus Glas (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand Jeannette Walls' Roman für die große Leinwand adaptieren würde. Zu gut hatte sich Schloss aus Glas (weltweit) verkauft, zu abenteuerlich und ungeheuerlich war die Geschichte, dazu noch wahr und nicht ausgedacht. Regisseur und Drehbuchautor Destin Daniel Cretton kennt sich mit autobiografischen Stoffen aus. In "Short Term 12" (2013) hatte er seine eigenen Erfahrungen als Leiter einer Gruppe problembelasteter Jugendlicher verarbeitet und Brie Larson in der Hauptrolle einen ersten Karrierehöhepunkt beschert. Die mittlerweile oscarprämierte Schauspielerin glänzt in "Schloss aus Glas" ein weiteres Mal.

Cretton und sein Koautor Andrew Lanham erzählen die bittersüße Beichte einer gleichermaßen beglückenden wie bedrückenden Kindheit nicht chronologisch. Sie setzen 1989 ein, als die von Larson verkörperte Jeannette von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Beim Anblick ihrer Eltern, die in New York im Müll wühlen, stehlen sich die Erinnerungen in die Gegenwart. Elegant wechselt Cretton mithilfe visueller und akustischer Analogien fortan zwischen den Zeitebenen. Im Verlauf des Films werden die Abstände größer, die Übergänge konventioneller. Perfekt ausgestattet, ausgeleuchtet und gefilmt bleibt dieses Drama aber bis zum Schluss.

"Schloss aus Glas" schildert den Kampf gegen innere Dämonen. Wie sich herausstellt, gründen sie auch bei Jeannettes Vater Rex (Woody Harrelson) in der eigenen Kindheit. Doch während Rex versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, und seine Familie dadurch erst ins Unglück stürzt, gelingt Jeannette und ihren Geschwistern gemeinsam die Befreiung und eine späte Versöhnung mit dem Vater, die am Ende etwas zu nachsichtig und süßlich ausfällt.

Dennoch und trotz aller Kürzungen, die eine Romanverfilmung zwangsläufig mit sich bringt, schont "Schloss aus Glas" sein Publikum nicht. Dem ungebundenen, sonnenbeschienenen Leben on the road, das von (scheinbar) grenzenloser Freiheit und bedingungsloser Elternliebe gekennzeichnet ist, stehen stets die Schattenseiten dieser voll Vernachlässigung, Verwahrlosung und Missbrauch entgegen. Destin Daniel Cretton glückt der schwierige Balanceakt, keinen der Beteiligten zu verherrlichen oder zu verteufeln, sondern sie mit all ihren Unzulänglichkeiten menschlich erscheinen zu lassen. Das ist nicht zuletzt das Verdienst des großartigen Ensembles, das seine Kraft aus der Hassliebe zwischen Vater und Tochter zieht. Brie Larson und Woody Harrelson arbeiten sich hier vorzüglich aneinander ab.

Fazit: "Schloss aus Glas" ist eine sehenswerte Literaturverfilmung, die mit viel Liebe zu den Figuren und zum Detail tief in eine problembelastete Familie eintaucht. Regisseur und Koautor Destin Daniel Cretton gelingt der Balanceakt, gleichermaßen beglückende wie bedrückende Momente einer Kindheit auf die große Leinwand zu bringen. Dank seines hervorragenden Ensembles, allen voran Brie Larson und Woody Harrelson, bleibt dieses Drama jederzeit intensiv und glaubwürdig. Einzig das Ende fällt etwas zu versöhnlich aus.




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